Rhöndorfer Ausgabe Online
An Staatsminister a.D. Dr. Günther Gereke
, HannoverStBKAH 07.19
Sehr geehrter Herr Gereke!
Ich danke Ihnen vielmals für Ihren Brief vom 20. d. Mts. Meine Anfrage an Sie vom 7.1.48 war verursacht worden durch eine Zuschrift, die ich von beachtenswerter Seite erhalten hatte und in der ausgeführt worden war, daß nach einer im letzten Dezember-Drittel im Nordwestdeutschen Rundfunk gemachten Mitteilung im Hannover'schen Landtag nur ein Teil der CDU-Fraktion den Antrag auf Außerkraftsetzung des § 218 abgelehnt hätte, daß 5 Abgeordnete dafür gestimmt hätten1. Ich bitte, zu erwägen, ob Sie im Hinblick auf die Quelle »Nordwestdeutscher Rundfunk« nicht eine Richtigstellung in der Presse für angezeigt erachten. Ich glaube, daß diese Mitteilung des Nordwestdeutschen Rundfunks von Zentrumsanhängern außerordentlich ausgenutzt worden ist und wird. Ich hatte zu einer Sitzung des Zonenausschusses eingeladen für den 6. und 7. Februar 1948. Leider tritt an diesen Tagen auch der Landtag Nordrhein-Westfalen zusammen. Meine Bemühungen, eine Verschiebung zu erreichen, sind ergebnislos geblieben. Ich habe daher den Zonenausschuß auf den 13. und 14. Februar gebeten2. Ich lege besonderen Wert auf Ihre Anwesenheit und bitte Sie, unter allen Umständen Ihr Erscheinen möglich zu machen.
Ich habe bedauert, daß ich nicht nach Hamburg kommen konnte, weil ich eine Abstimmung mit Ihnen über eine Reihe größerer politischer Fragen für notwendig halte. Ich hoffe, daß sich bei Gelegenheit der nächsten Sitzung des Zonenausschusses dazu eine Möglichkeit bietet. Ich glaube zwar, daß wir in den wesentlichsten Fragen übereinstimmen werden, aber immerhin ist mir doch eine Aussprache mit Ihnen wertvoll.
Auf der nächsten Sitzung des Zonenausschusses werden wir uns voraussichtlich beschäftigen müssen mit der Stellung der Sozialausschüsse. Die Frage ist von sehr viel größerer Bedeutung als es zuerst scheint, weil noch immer leider Bestrebungen vorhanden sind, eine Partei neben der Partei zu schaffen.
Auch wird voraussichtlich die Frage der Nachfolgerschaft des Herrn Dr. Löns zu Sprache kommen müssen. Herr Dr. Löns will nun endgültig zum kommenden Frühjahr ausscheiden. Er hatte von Anfang an sich nur für eine beschränkte Zeit binden wollen, weil er sich eine wirtschaftliche Existenz als Rechtsanwalt schaffen müsse. Man muß für diesen seinendringenden Wunsch Verständnis haben. Ich glaube nicht, ihn länger halten zu können als bis etwa 1.4. oder 1.5.1948. Ich habe daran gedacht, als seinen Nachfolger Legationsrat Blankenhorn, Hamburg, vorzuschlagen. Herr Blankenhorn würde bereit sein. Sie kennen Herrn Blankenhorn. Sie werden wahrscheinlich ebenso wie ich seine Persönlichkeit schätzen und wissen ferner um sein Vertraut sein mit vielen Persönlichkeiten unserer Zone und mit der politischen Lage3. Ich hoffe, daß Sie auch Herrn Blankenhorn für geeignet halten, bitte Sie aber, über die Angelegenheit noch nicht zu sprechen.
Vor einiger Zeit hörte ich über die politische Entwicklung in Niedersachsen etwas unwahrscheinliche Nachrichten. Ich habe Herrn Storch, den ich in Frankfurt (Main) traf, gebeten, Sie davon ins Bild zu setzen.
Ich bin mit vielen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Adenauer hatte sich in seinem diesbezüglichen Schreiben an Gereke vom 7.1.1948 auf eine Anfrage von Heinz Schmitz und Walter Neuberg, beide Duisburg (beide nur bei dieser Gelegenheit mit Adenauer in brieflichen Kontakt getreten), vom 27.12.1947 gestützt (StBKAH 07.24). Die Richtigstellung Gerekes vom 20.1.1948: innerhalb der CDU-Fraktion des niedersächsischen Landtags herrsche Einigkeit; auch sei dort über den § 218 StGB gar nicht abgestimmt worden, eine einschlägige Debatte habe es lediglich wegen der »Wiederzulassung eines Arztes [gegeben], für den sich besonders die FDP hier einsetzte«. Hinweise auf die niedersächsische Nachkriegsdiskussion um diesen Strafrechtsparagraphen bei Helmuth Pütz (Bearb.), Konrad Adenauer, S. 295, 297.
CDU-Zonenausschusssitzung am 13./14.2.1948 in Lippstadt; vgl. Helmuth Pütz (Bearb.), Konrad Adenauer, S. 478-480.
Vgl. die Schreiben an Herbert Blankenhorn vom 7.1.1948 und vom 24.1.1948 sowie, unter Verwendung dieses Adenauer-Schreibens, Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 112.