Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

26. März 1947 (Rhöndorf)

An Regional Commissioner William Asbury

, Düsseldorf

StBKAH 07.13, ohne Anrede und Schlussformel


Auf das dortige Schreiben vom 20.3.47 gestatte ich mir, folgendes zu erwidern:

Ich halte meine Reden in der Regel frei aufgrund von einigen Notizen. So habe ich auch auf der Versammlung in Bonn am 27. Februar frei gesprochen. Ich habe aber meine Rede mitstenografieren lassen. Aufgrund Ihres Briefes vom 20.3.47 habe ich mir zum ersten Male das Stenogramm, das also unkorrigiert ist, vorlegen lassen1.

Danach lauteten meine Ausführungen, aus denen der Artikel der »Aachener Volkszeitung« einen Extrakt darstellt, folgendermaßen:
»Nun sind wir in vier Zonen eingeteilt. In jeder Zone herrscht eine andere Macht, und in jeder Zone wird nach anderen Grundsätzen und nach anderen Maximen regiert. Ich bleibe zunächst bei der britischen Zone. Da stelle ich zunächst fest, daß auf den wesentlichsten Gebieten bisher keine deutsche Stelle irgend eine Vollmacht hat. Die Länder sind in ihren Kompetenzen außerordentlich eingeschränkt. Wir haben bisher nur ernannte Landtage. Wir haben bisher nur Ministerpräsidenten und Minister, die von der britischen Kontrollkommission ernannt sind und von der britischen Kontrollkommission jeden Augenblick abberufen werden können. Auf den so wichtigen Gebieten der Ernährung hat bisher keine deutsche Stelle, auch keine bizonale Stelle, irgendwie das Recht der Entscheidung. Die ganzen Entscheidungen auf dem Gebiet der Ernährung werden von interalliierten Stellen gefällt. Auf dem Gebiet der Wirtschaft ist es genau dasselbe. Was ist die Folge davon? Die Folge ist, daß es uns viel schlechter geht, als es uns gegangen wäre, wenn man einige Monate nach dem Zusammenbruch von seiten der Alliierten gesagt hätte: So Deutsche, jetzt bringt Euer Haus einmal allein in Ordnung. Wenn das geschehen wäre, dann würde auch das Parteigezänke, das ich absolut verurteile, niemals entstanden sein, weil dann die Parteien ihre Kräfte zu nutzbringender Arbeit gemeinsam hätten einsetzen müssen und weil nichts so sehr die Menschen, auch wenn sie in vielen prinzipiellen Dingen voneinander sich unterscheiden, miteinander verbindet als gemeinsame Arbeit. Aber, verehrte Anwesende, bis jetzt ist das nicht so, und nun wird die Frage wohl aufgeworfen werden können, die Ihr Vorsitzender kurz anschnitt: Ob unter solchen Umständen überhaupt man es verantworten könne, tätig zu sein und mitzuarbeiten. Das ist eine sehr ernste Frage. Das ist eine Frage, die sich jeder, der in einer staatlichen oder in einer politischen führenden Stelle tätig ist, vor seinem Gewissen stellen muß. Er muß sich, wenn er diese Frage entscheidet, darüber klar sein, was entstehen wird, wenn die deutschen Parteien und die deutschen Politiker nicht mehr mitarbeiten. Welcher Schaden ist größer, derjenige, der dadurch entsteht, daß man mit gebundenen Händen mitarbeitet, oder der Schaden, der entstehen wird, wenn man seine Mitarbeit versagt? Wir, die leitenden Männer der CDU, haben schon mehrfach vor dieser Frage gestanden, ob wir es mit unserem Gewissen und mit unserem Pflichtgefühl dem deutschen Volke gegenüber vereinbaren könnten, noch länger mitzuarbeiten. Wir haben bisher oft sehr schweren Herzens uns gesagt: Wir müssen es tun. Aber ich stehe nicht an zu erklären, daß Verhältnisse eintreten können, die uns zwingen werden zu sagen: Wir können nicht mehr weiter mitarbeiten. Wann das kommen wird, weiß ich nicht. Aber die Frage der Demontage unserer Industrie ist eine Frage auf Leben und Tod des deutschen Volkes. Und gerade diese Frage kann Anlaß werden für uns zu der allerernstesten Nachprüfung, ob wir nicht verpflichtet sind, unsere weitere Mitarbeit zu versagen. …

Vergessen wir eines nicht. Bei den Alliierten herrscht das Gefühl der Rache und des Hasses doch noch in weiten Kreisen. (Pfui) Nein, sagen Sie nicht pfui. Klopfen Sie an Ihre eigene Brust und fragen Sie sich, wie wir jetzt schon über die Besatzungsmacht denken, nachdem noch lange nicht soviel passiert ist wie anderen passiert ist. (Das sehen wir ja, Zwischenrufe, die dagegen protestieren). Aber fällen wir kein Werturteil. Lassen wir die Dinge so nüchtern und so ruhig uns betrachten, wie man sie betrachten muß, wenn man in Angelegenheiten der auswärtigen Politik irgendwie sich eine Meinung bilden soll, und da stelle ich die Tatsache fest, daß diese Empfindungen gegen uns noch stark verbreitet sind, und sie sind insbesondere stark verbreitet in Frankreich. Wir müssen damit rechnen, daß sie da sind. Wir können aber auch annehmen, daß nach den Erfahrungen, die man bisher schon gemacht hat, die wir nach 1918 durchgemacht haben und die tief begründet liegen in der menschlichen Natur, allmählich diese Empfindungen abklingen werden, daß allmählich doch die Erinnerungen an das Erlebte zurücktreten werden hinter neuen Erlebnissen und daß im Laufe der Zeit dann doch eine günstige Atmosphäre für uns kommen wird. Wir müssen uns darüber klar sein, daß auch die Zeit unter Umständen für uns arbeitet. Wenn Sie sich nur vorstellen, wie ein Deutschland auferlegter Friedensvertrag vor einem Jahre ausgesehen haben würde gegenüber den Vorschlägen, die jetzt gemacht werden, dann werden Sie diesen Fortschritt doch erkennen, und insofern dürfen wir den Mut, die Hoffnung und die Geduld nicht verlieren. Wir müssen uns aber auch darüber klar werden und das öffentlich aussprechen, und zwar so laut öffentlich, daß die öffentliche Meinung aller Länder es hört, was wir für richtig halten. …

Wir werden uns auch damit abfinden müssen, daß wir eine bestimmte Zeit unter Kontrolle der Alliierten bleiben. Aber ich wiederhole: Unter einer Kontrolle der Alliierten, nicht unter der Verwaltung der Alliierten. Das ist ein untragbarer Zustand für ein Volk wie das unsrige. Selbst das klügste und beste Volk kann nicht ein so differenziertes und hochentwickeltes Volk wie das deutsche Volk verwalten. Es hat dafür nicht die Menschen zur Verfügung. Das kann auch England nicht. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. (Bravo!!) Daher kommen so viele Mißgriffe und viele Schäden, weil sich England dadurch, daß es die Verwaltung des britisch besetzten Gebietes übernommen hat, eine Aufgabe gestellt hat, die weder England noch irgendein anderes Land überhaupt lösen kann.«

(Adenauer)

 


  1. ^

    Die ›Stenografische Aufnahme einer Rede Dr. Adenauers in Bonn‹ war parteiintern bereits am 3.3.1947 vom CDU-Pressedienst verbreitet worden.