Rhöndorfer Ausgabe Online
An Generalkonsul Dr. Franz Rudolf von Weiss
, Köln-MarienburgStBKAH 07.03
Sehr geehrter Herr von Weiss!
Die Weihnachtstage habe ich dazu benutzt, die Broschüre »Deutschland im Herbst 1947« der Herren Schwarz und Möt[t]eli zu lesen1 Ich habe die einzelnen Artikel seinerzeit in der »Neuen Zürcher Zeitung« gelesen. Wenn ich damals schon überrascht war über den ausgezeichneten Einblick, den die beiden Herren auf ihrer Fahrt durch Deutschland in die deutschen Verhältnisse gewonnen haben, so hat sich dieser mein Eindruck jetzt beim Lesen der gesammelten Berichte noch vertieft und verstärkt. Die Herren haben mit erstaunlicher Objektivität und Weitblick die deutschen Probleme erkannt. Die Broschüre »Deutschland im Herbst 1947« wird ein historisches Dokument eines neutralen Beobachters sein und dementsprechend in der zukünftigen Geschichtsschreibung verwertet werden. Ich glaube, daß die Herren mit ihrer Arbeit auch für das europäische Problem und damit für die Schweiz einen wertvollen Beitrag geleistet haben.
Ich danke Ihnen, daß Sie mir die Broschüre übersandt haben, und bin in ausgezeichneter Hochachtung, sehr geehrter Herr Generalkonsul,
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Die Redakteure der ›Neuen Zürcher Zeitung ‹ Urs Schwarz (Auslandsressort) und Carlo Mötteli (Handelsressort) hatten vom 29.9. bis zum 14.10. 1947 eine Rundfahrt durch die drei westlichen Besatzungszonen unternommen, um ihren Lesern »am Vorabend der … nach London einberufenen Konferenz ein Bild der Ausgangslage zu vermitteln« (Vorwort zur 2. Auflage des Separatdrucks ihrer beiden Artikelserien, die zwischen dem 28.10. und 12.11.1947 in der ›Neuen Zürcher Zeitung‹ erschienen waren und danach auch als Broschüre große Verbreitung fanden).
Im Verlauf dieser Reise war es in Köln (dort im Hause des schweizerischen Generalkonsuls von Weiss) auch zu einer Begegnung der beiden Jounalisten mit Adenauer gekommen (hierzu von Weiss an Adenauer am 4.12.1947). Doch fand die »freimütige Aussprache« (von Weiss) in den Artikeln keinen direkten Niederschlag. Erst 1961 nutzte Mötteli ein Schreiben an den Bundeskanzler (mit dem er diesem sein soeben erschienenes Buch ›Licht und Schatten der sozialen Marktwirtschaft‹ überreichte), um die frühe Zusammenkunft in Erinnerung zu rufen (Schreiben vom 6.5.1961; StBKAH 10.44).