Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

27. März 1948 (Rhöndorf)

An Dr. Jakob Kindt-Kiefer

, Otelfingen-Zürich

StBKAH 07.21


Sehr geehrter Herr Kindt-Kiefer1!

Nach meiner Rückkehr drängt es mich, Ihnen zu sagen, wie sehr ich mit Freude und Genugtuung der mit Ihnen verbrachten Tage gedenke. Die Aussprache mit Ihnen hat mir einen ausgezeichneten Eindruck in das umfassende Hilfsprogramm der Christlichen Nothilfe1 [vermittelt]. Ich wünsche von Herzen, daß Sie mit Erfolg auf dem eingeschlagenen Wege fortschreiten. Das gilt insbesondere von der Hausbauaktion, der ich die denkbar größte Bedeutung beimesse. Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mich darüber auf dem Laufenden hielten.

Auch an die Besprechungen am Dienstagnachmittag denke ich mit großer innerer Befriedigung zurück, namentlich an den letzten Teil unserer Besprechung. Ich hoffe, ja ich bin überzeugt davon, daß Sie sich mit der Vermittlung dieser Aussprache ein außerordentlich großes Verdienst erworben haben.

Über die geistige Hilfe, die die Christliche Nothilfe uns zuteil werden lassen kann, habe ich mir in der Zwischenzeit allerhand Gedanken gemacht. Ich denke, daß wir uns in absehbarer Zeit einmal darüber aussprechen können. Heute darf ich Ihnen vielleicht folgende Anregung mitteilen, die ich Sie zu überlegen bitte:

Bei unserer Arbeit, insbesondere auch bei öffentlichen Reden, wird uns von sozialdemokratischer und kommunistischer Seite, insbesondere aber auch von ernst zu nehmenden Exponenten der Sozialdemokratie, immer wieder entgegengehalten: »Was hat das Christentum seit 1900 Jahren geleistet? Wie hat es versagt? Ich glaube, daß es gut wäre, wenn man in einer leicht faßlichen Darstellung einmal objektiv niederlegte, welchen Einfluß das Christentum von Anbeginn und im Laufe der Entwicklung auf die Geschicke der Menschheit in positivem, in gutem Sinne genommen hat, wie durch den Eintritt des Christentums in die Vorstellungswelt und in die geistige Welt des Abendlandes überhaupt ein Wandel zum Guten hin eingetreten ist. Des weiteren meine ich, man könnte die Werke der Barmherzigkeit, die bis zum heutigen Tage auf den verschiedensten Gebieten getan worden sind und getan werden, alle doch zurückführen auf die christliche Wurzel und könnte so denjenigen Kreisen, die am Christentum zweifeln, weil sie keine positiven Erfolge zusehen glauben, beweisen, daß das Christentum immer wieder, und zwar alles in allem genommen mit großem Erfolge, die Menschheit zu einer höheren Stufe emporgehoben hat. Perioden der Erschlaffung, ja des Zurückweichens vor den Mächten des Bösen, wie die unsrigen, dürfen einem da den Blick nicht trüben. Das Werk müßte sich in seinem ganzen Niveau weit über eine Gelegenheitsschrift hinausheben und würde wohl am besten von einem schweizer Herrn geschrieben werden. Bitte, überlegen Sie, ob eine derartige Apologetik der Tat des Christentums nicht sehr wertvolle Dienste leisten kann.

Die nötigen Schritte wegen Schaffung eines Wohnsitzes für Sie in Köln habe ich eingeleitet3

Ich danke Ihnen nochmals, auch für meine Tochter, für Ihre Gastfreundschaft, die mich tief berührt hat, und bin mit vielen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Zu Kindt-Kiefer vgl. Biographisches Handbuch, S. 363 sowie die Angaben bei Hagen Schulze, Otto Braun, S. 805, 817-820, 823f., 830, 834 und Bruno Dörpinghaus, Die Genfer Sitzungen, passim. Bei Dörpinghaus (S. 545-549) auch nähere Angaben zur Genfer Sitzung führender europäischer Christdemokraten am 21./22.3.1948 (unter Beteiligung Adenauers), auf die sich nachfolgendes bezieht; vgl. auch Josef Müller, Bis zur letzten Konsequenz, S. 352 und Peter Jakob Kock, Bayerns Weg in die Bundesrepublik, S. 189f.

  2. ^

    Von Kindt-Kiefer geleitetes gemeinnütziges Hilfswerk, das – konfessionell und politisch neutral – in den Nachkriegsjahren von Zürich aus den Versand von ›Liebesgaben-Paketen‹ vornehmlich nach Deutschland organisierte; vgl. das Schreiben an Jakob Kindt-Kiefer vom 7.6.1948.

  3. ^

    Hierzu ist ein Schreiben an die Abteilung Wohlfahrt bei der nordrhein-westfälischen Militärregierung vom 21.4.1948 erhalten (Bitte um Einreise-Erlaubnis in die britische Zone, »damit [Herr Kindt-Kiefer] sich von der hier herrschenden Not persönlich überzeugen kann«).