Rhöndorfer Ausgabe Online
An Heinrich Ritzdorf
, WülfrathStBKAH 07.11
Sehr geehrter Herr Ritzdorf1!
Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 24.11. d. Js. – Herrn Redelig geht es nach wie vor gut.
Ich sehe nicht klar in Ihrer Beschwerde über die Beschlagnahme des Krauts. Daß Kraut öffentlich bewirtschaftet wird, wird Ihnen ja bekannt sein. Soweit müßte also eine Beschlagnahme erfolgen. Daß darüber hinaus aber auch Kraut beschlagnahmt wird aus Zuckerrüben, die von Selbstverbrauchern zur Krautherstellung geliefert werden, ist mir neu. Wenn das der Fall ist, so geben Sie mir bitte genauen Bescheid. Ich werde dann versuchen, Aufklärung zu schaffen.
Mit freundlichen Grüßen
hochachtungsvoll
(Adenauer)
Heinrich Ritzdorf (geb. 1865), Malermeister i. R., hatte sich mit der Bitte an Adenauer gewandt, »an maßgebender Stelle die Beschlagnahmung« von Rüben und dem daraus sowie aus Äpfeln und Birnen in seiner Heimatstadt Wülfrath von mehreren Betrieben hergestellten fertigen Kraut (einem sirupartigen Brotaufstrich) »abzustellen«. Die Klagen der Wülfrather Bevölkerung richteten sich darüber hinaus gegen Brotrationierung, Lebensmitteldiebstahl und Schwarzhandel: »1/2 Pfund Butter 100,-- M., desgl. Schmalz, 1 Pfund Speck 260,-- M.«. Zu diesem dominierenden Thema des deutschen Alltagslebens im Notwinter 1946/47 sind zeitgenössische Schilderungen zugänglich, so z. B. in: Klaus R. Scherpe (Hg.), In Deutschland unterwegs. Reportagen, Skizzen, Berichte 1945-1948, Stuttgart 1982; vgl. auch den Bildband: Frank Grube/Gerhard Richter, Die Schwarzmarktzeit. Deutschland zwischen 1945 und 1948, Hamburg 1979.