Rhöndorfer Ausgabe Online
An Diözesanpräses Dr. Caspar Schulte
, PaderbornStBKAH 07.12
Sehr geehrter Herr Diözesanpräses!
Gehen Sie mit gutem Mut an diese Besprechung mit Angehörigen der Zentrumspartei heran1! Wenn es nicht gelingt, die ganze Sache auf einmal zu machen, dann muß man eben Stück für Stück herauszubrechen versuchen. Unser Ziel muß sein, daß bei der nächsten Landtagswahl am 30. März 472 keine Listen mehr für die Zentrumspartei aufgestellt werden.
Ihr Urteil über die Weihnachtswünsche des Herrn Amelunxen wird allgemein, auch von mir, geteilt3.
Bei der Ernährungslage ist m. E. folgendes zu berücksichtigen:
Einflußreiche Stellen der englischen Regierung stehen noch immer auf dem Standpunkt, das deutsche Volk müsse gestraft werden, das gilt insbesondere auch von der Labour-Party.
Es ist ganz offensichtlich, daß eine außerordentlich große Unfähigkeit und Unkenntnis unserer Verhältnisse vorhanden ist. Von größter Bedeutung ist weiter die Devisenfrage. England ist selbst sehr arm an Devisen und muß die Nahrungsmittel mit Dollars bezahlen. Ich verspreche mir aber doch einen Erfolg von der bizonalen Neuregelung.
Das Abschlachten des Viehs wird vorgenommen, weil man von englischer Seite unsere gesamte Landwirtschaft umstellen will, vornehmlich auf Hackfruchtbau. Gegen diese völlig falsche und undurchführbare Absicht müssen wir jetzt weiter kämpfen.
In der Frage der Demontage der Eisen- und Stahlwerke haben wir wenigstens einen kleinen Erfolg erzielt, aber auch dort müssen wir wachsam sein. Sie sehen, es sind wirklich schwere Fragen zu lösen. Wenn wir die leidige Zentrumssache weghätten und nur mit klaren Fronten dann gegen die SPD zu kämpfen hätten, so wäre es wenigstens auf innerpolitischem Gebiete leichter.
Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Hilfe und darf wohl demnächst von Ihnen hören, wie es gegangen hat.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr ergebener
(Adenauer)
Schulte hatte am 30.11.1946 auf bevorstehende »Einigungsbesprechungen« mit dem westfälischen Zentrum hingewiesen und Fragen zur Ernährungslage aufgeworfen (»… als wenn die Angelsachsen Deutschland aushungern wollten wie früher einmal Irland«).
Die zunächst für den 26.3.1947 in Aussicht genommenen nordrhein-westfälischen Landtagswahlen fanden am 20.4.1947 statt. Ihr Ergebnis: CDU 37,5% (=92 Sitze), SPD 32% (64), KPD 14% (28), Zentrum 9,8% (20) und FDP 5,9% (12). (Adenauer persönlicher Wahlerfolg im Siegkreis-Süd: 52,3%). Zur Bedeutung dieses Ergebnisses (CDU-Verluste von über 8% gegenüber den Herbstwahlen 1946) vgl. Walter Först, Geschichte, S. 249f., 256 und Peter Hüttenberger, Nordrhein-Westfalen, S. 241. – Der Abgeordnetenausweis Adenauers für den nordrhein-westfälischen Landtag datiert ebenfalls vom 20.4.1947
Weihnachtswünsche an den britischen Oberbefehlshaber (veröffentlicht in ›Westfalenpost‹ vom 16.11.1946), mit denen Amelunxen unter anderem die Verteilung von 500 gr. Bohnenkaffee für Frauen und von Schokolade für Kinder angeregt hatte. Hierzu sind in StBKAH 07.16/08.20 mehrere Protestschreiben und -telegramme erhalten (gemeinsamer Tenor: derartige Luxusgüter in der derzeitigen Notlage zu fordern, sei »Hohn auf unser Elend«).