Rhöndorfer Ausgabe Online
An Paul Silverberg
, LuganoStBKAH 07.03
Lieber Herr Silverberg!
Eben erhalte ich Ihren Brief vom 14.5.471. Ich weiß also jetzt, von wem ich die »Neue Zürcher« bekomme2. Aus einer Mitteilung des Herrn von Weiss hatte ich entnehmen müssen, daß sie von einer ihm nahestehenden Firma herrührt. Entschuldigen Sie daher, daß ich Ihnen noch nicht gedankt habe. Die »Neue Zürcher« unterrichtet uns Deutsche in wirklich vortrefflicher Weise über das Geschehen draußen. Sie ist für mich in meiner politischen Arbeit ganz unentbehrlich. Haben Sie herzlichsten Dank!
Die Pakete »Colis Suisse«3 sind angekommen, auch ein Kaffeepäckchen. Da, abgesehen von dem Kaffeepäckchen, nie der Absender aus der Sendung zu ersehen war und wir erwartet hatten, daß unsere langjährigen Hotelfreunde, die Inhaber des Hotels in Chandolin, etwas gesandt hätten, haben meine Frau und ich vielleicht nicht für jede Sendung Ihnen gedankt. Ich hole es auf alle Fälle hiermit nach. Sie dürfen versichert sein, daß diese Sendungen für uns so wertvoll sind, daß es sich ein Nicht-Deutscher kaum vorstellen kann.
Nicht eingetroffen ist die Büchersendung. Ich würde Ihnen sonst schon lange gedankt haben. Vielleicht reklamieren Sie mal.
Ich hoffe, daß Sie doch jetzt von Ihrer Lungenentzündung ganz wieder hergestellt sind. Ich schrieb Ihnen seinerzeit, daß meine Frau im Oktober v. Js. so schwer an Lungenentzündung erkrankt war, daß der Arzt sie, trotz Penicillin, das reichlich zur Verfügung gestellt worden war von Herrn von Weiss, für verloren gehalten hat. In der Zwischenzeit hat sie sich zwar etwas erholt, aber sie hat Anfang Mai wieder eine Lungenentzündung gehabt, die allerdings bald kupiert werden konnte. Infolge ihrer Knochenmarkserkrankung hat sie ja so wenige weiße Blutkörperchen, so daß sie keine Abwehrstoffe gegen Infektionen bilden kann.
Sie haben mir gar nichts geschrieben wegen Ihrer Beteiligung an unserer #Schweizer Reise#Steel 16.5.47#. Nur Herr von Weiss hatte mir davon gesprochen. Nun, ich hoffe, wenn es uns gelingt, in die Schweiz zu kommen, daß wir uns dann sehen und daß meine Frau und ich Ihnen mündlich danken können. Wir sollen zwar am 7. Juni abreisen, aber bisher ist die Ausreiseerlaubnis, die über die Kontrollkommission in Berlin gehen muß, noch nicht da, so daß es mir sehr zweifelhaft erscheint, ob wir an diesem Tage werden abreisen können.
Über die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Lage hier in Deutschland, wie sie sich in den letzten 2 Jahren, d. h. nach dem Zusammenbruch, entwickelt hat, zu schreiben, ist fast unmöglich. Man muß darüber sich einmal aussprechen. Ich hoffe, daß das demnächst möglich sein wird.
Ein sehr gefährliches Symptom der Entwicklung ist der sich immer stärker entwickelnde Herrschaftsanspruch der Gewerkschaften über die ganze Wirtschaft. Dieser Anspruch wird von in der britischen Zone maßgebenden Stellen sehr stark unterstützt, wie ja überhaupt in der britischen Zone die Gewerkschaften von diesen Stellen den Parlamenten gleichgestellt, wenn nicht sogar darüber hinausgehoben werden. Diese Totalitätsansprüche der Gewerkschaften finden von Unternehmerseite leider kaum Widerstand, weil viele maßgebende Leute auf Unternehmerseite, wenn auch leichte, braune Flecken haben, und deswegen zu bang sind, sich zu wehren. Gerade diese Entwicklung halte ich für ungemein gefährlich für die Zukunft.
Überhaupt scheint der Totalitätsgedanke den Deutschen im Blute zu liegen. KPD und SPD sind totalitär ausgerichtete Parteien. Über die CDU werden wir sprechen müssen. Sie ist noch keine homogene Partei, aber ich glaube, daß ihr die Zukunft gehört, wenn man sie nur arbeiten läßt und wenn ihr nicht von stärkeren Kräften entgegengearbeitet wird.
Sie wissen ja doch, daß letzten Endes nur 2 große Fronten in Europa und der Welt noch vorhanden sind: die christlich-abendländische Front, deren stärkste Stütze hier in Deutschland die CDU und die CSU ist, und die asiatische Front.
Haben Sie nochmals recht herzlichen Dank für alles und seien sie überzeugt, daß jedes Lebenszeichen von Ihnen die Erinnerung an die zusammen verbrachten Jahre [wachruft und] große Freude auslöst. Hoffentlich auf baldiges Wiedersehen in der Schweiz mit recht herzlichen Grüßen, auch von meiner Frau,
stets Ihr
Hierin: Informationen zur persönlichen und familiären Situation sowie Darlegungen zur wirtschaftlichen, politischen und staatsrechtlichen Entwicklung in Deutschland, die ihn »mit steigender Sorge« erfülle (»Frage der Errichtung einer stabilen Währung als erste Aufgabe des westdeutschen Problems … Zentralproblem ist der Kohlenbergbau … Das CDU-Programm hat mir nicht sehr gefallen …«; Hoffnung, »daß Sie sich auf einer positiv bürgerlichen Linie finden, auch Centrum und Liberale!«).
Mehrere Hinweise auf die Antwort Adenauers bei Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 107-109 und Hans-Peter Schwarz, Adenauer und Europa, S. 476.
Zur besonderen Bedeutung dieser schweizerischen Tageszeitung für (Auslands-) Information und Meinungsbildung Adenauers, vgl. Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 17 und 109.
Mit der Übermittlung solcher Frachtstücke war ein schweizerischer Paketdienst beauftragt, dessen Kölner Anschrift (Venloer Wall, Barackenlager) Gussie Adenauer im Taschenkalender festgehalten hat.