Rhöndorfer Ausgabe Online
An Dr. Paul Silverberg
, LuganoStBKAH 07.03
Lieber Herr Silverberg!
Herr Pünder hatte mich gebeten, auf Sie einzuwirken, daß Sie der Einladung zur Eröffnung der Messe nachkommen möchten1. Ich hatte aber schon vor Eintreffen Ihres Briefes vom 25. d. Mts. Herrn Pünder geantwortet, daß ich das nicht tun würde. Ihr erstes öffentliches Auftreten hier in Köln bei Gelegenheit der Eröffnung der Messe halte ich nicht für opportun. Auch glaube ich, daß z. Zt. die Verhältnisse hier noch so sind, daß man Ihnen einen Aufenthalt hier nicht gut zumuten kann.
Ich meine, wenn die Londoner Konferenz2 vorbei ist oder wenn die Frage der Neuordnung unserer Wirtschaft in ein Stadium getreten ist, das wenigstens eine gewisse Übersicht ermöglicht, wird Ihre Anwesenheit und Ihr Rat hier sehr willkommen sein.
Ich freue mich, daß Ihnen St. Moritz doch wenigstens etwas bekommt. Meine Frau und ich denken mit wahrer Sehnsucht an die Schweiz zurück. Die Arbeit hier ist nach wie vor schwer und unbefriedigend. Wir haben noch niemals in der Frage der Versorgung mit Lebensmitteln wegen der katastrophalen Dürre so trübe Aussichten gehabt als jetzt. Kartoffel- und Futterernte ist sehr schlecht, Gemüse gar nichts, Getreideernte auch nicht gut. Ich hoffe aber, daß Amerika einsieht, daß jeder Plan für den wirtschaftlichen Wiederaufbau scheitern wird, wenn die Hungerei nicht einmal aufhört, und daß wir infolgedessen wenigstens in etwa versorgt werden. Ich sprach noch dieser Tage einen leitenden Herrn aus dem Industriegebiet, der mir sagte, die übereinstimmende Meinung sei, daß, wenn in der Frage der Nahrungsmittelversorgung ein stärkerer Rückgang einträte, die Kohlenförderung derartig absinken würde, daß dadurch jeder Plan gefährdet werde. Obgleich wir so völlig in der Schwebe sind mit allem und jedem, wirtschaftlich und politisch, bin ich doch zum ersten Male seit 1945 etwas optimistischer. Mein Optimismus gründet sich darauf, daß der neue Industrieplan3, der auf die Dauer unbefriedigend ist und nur als ein Anfang betrachtet werden kann, doch wenigstens zeigt, daß man versucht, dem Problem Deutschland gerecht zu werden. In dem Industrieplan von 1946 war hiervon nichts zu spüren.
Ich werde Ihnen in Zukunft einige Drucksachen von uns zuschicken in der Hoffnung, daß sie Sie interessieren werden4.
Mit recht herzlichen Grüßen, auch von meiner Frau, wie immer
Ihr
(Adenauer)
Vgl. das Schreiben an Hermann Pünder vom 19.8.1947. Silverberg hierzu in seinem Anschreiben: »Zum 14.9. hatte auch Pünder als Gast der Stadt und zur Eröffnungsrede der Messe eingeladen. Ich habe aber abgesagt, da ein öffentliches Auftreten mir für einen, der 14 Jahre in... Sicherheit lebte, nicht [ratsam] schien.« Zu dieser ablehnenden Haltung Silverbergs Angaben bei Bernhard Hilgermann, Kölsches Mosaik, S. 172 und Franz Mariaux, Paul Silverberg – ein ›Letzter Mann‹, in: Der Volkswirt Jg. 42 (1959), S. 2283.
Londoner Außenministerkonferenz vom 25.11.-15.12.1947; vgl. die Schreiben an Jenö von Egan-Krieger vom 6.11.1947, an Hermann Kaiser vom 22.11.1947 und an die Schriftleitung der Zeitschrift »Der Schlüssel« vom 16.12.1947.
›Revidierter Plan für das Industrieniveau der britischen und amerikanischen Zone Deutschlands‹ vom 27.8.1947; Druck: Gustav Stolper, Die deutsche Wirklichkeit. Ein Beitrag zum künftigen Frieden Europas, Hamburg 1949, S. 362-368. Vgl. Akten zur Vorgeschichte Bd. 3, S. 487 und die ausführlichen Darlegungen in den Adenauer-Erinnerungen (1945-1953, S. 120-124).
Mit einem weiteren Schreiben vom 4.9.1947 beauftragte Adenauer die CDU-Geschäftsstelle in Köln, Silverberg »regelmäßig den Informationsdienst A« zuzusenden.