Rhöndorfer Ausgabe Online
An Maria Sevenich
, Strohe bei Vechta/OldenburgStBKAH 08.07
Liebe Frau Sevenich!
Haben Sie herzlichen Dank für Ihren lieben Brief vom 1. d. Mts. und die beigefügten Anlagen1.
Ich war sehr froh und glücklich über den Aufenthalt dort letzten Samstag. Ich wünsche und ich bitte Sie, doch sorgfältig auf Ihre Gesundheit zu achten, sich nicht zu früh Anstrengungen zuzumuten. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir eine kurze Nachricht über Ihr Befinden zukommen ließen. Ich bin nach wie vor in großer Sorge um Sie! –
Aus sehr ernst zu nehmenden Kreisen höre ich, daß Ihre Tat bei vielen besonders wertvollen Persönlichkeiten einen nachhaltigen Eindruck gemacht hat, auch wenn diese das nicht laut und in der Öffentlichkeit äußern.
Ihren Brief an Herrn Kaiser, Berlin, finde ich ausgezeichnet. Sie haben vor allem völlig recht mit Ihrer Feststellung, daß kein Führer der SPD jemals etwas Derartiges gesagt haben würde2. Sie wissen ja, wie ich über diese Liebedienerei gegenüber den Russen denke. – Voraussichtlich werden wir Mitte Dezember in Wiesbaden eine Zusammenkunft haben3. Ich werde Sie über den Verlauf derselben unterrichten.
Herrn Cillien4 schätze ich sehr als Mensch. Nach meinen Erkundigungen ist er politisch nicht gerade besonders gewandt. Das entspricht dem Eindruck, den ich von ihm habe. Aber jeder Mensch kann ja hinzulernen. Die Mitglieder des Zonenausschusses werden von den Landesparteien gewählt5. Herr Cillien müßte also dafür sorgen, daß er hereinkäme. Ich würde ihn als Mitglied sehr willkommen heißen. Seine Anregung, von Zeit zu Zeit zu einem Wochenende die Beauftragten und wichtigen Personen der CDU zusammenzurufen, scheitert vielleicht einmal an Mangel an Zeit, dann aber auch an der Schwierigkeit der Frage, wie soll dieser Kreis abgegrenzt werden? Vielleicht ist es besser, wenn man von Zeit zu Zeit zu einer Besprechung der Landesvorstände in dem betreffenden Lande hinreist. Ich war ja unlängst in Hannover, in Kiel und in Hamburg, und man hatte überall den Wunsch nach einer ziemlich regelmäßigen Wiederholung solcher Aussprachen. Ich werde Ihre Anregung im Auge behalten. Wenn Sie wieder ganz hergestellt sind, werden Sie sicher ausgezeichnet nach dieser Richtung hin wirken können.
Ich wünsche Ihnen weiterhin gute Erholung und bin mit recht herzlichen Grüßen, auch von meiner Frau,
Ihr
(Adenauer)
Maria Sevenich hatte unter anderem eine »Erklärung an CDU und CDU-Presse« zur Beendigung ihres Hungerstreiks und einen offenen Brief an Jakob Kaiser übermittelt.
Kaiser in einer von Maria Sevenich zitierten Rede vor dem CDUD-Vorstand am 6.11.1946: »Der scharfe soziale Wind, der von Osten weht, wird manche alte überlebte Meinung in unserem Volke mit fortwehen … «; zu dieser Rede vgl. Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 112f,
Für den 12.13.12.1946 war eine Tagung der CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft in Königstein/Taunus bei Wiesbaden vorgesehen, die jedoch verschoben wurde; vgl. das Schreiben an Bruno Dörpinghaus vom 21.12.1946.
Zur Kontaktaufnahme mit Adenauer im Sommer 1946 (nach einer Englandreise Cilliens) vgl. Konrad Adenauer, Erinnerungen 1945-1953, S. 72.
Cillien hatte in einem Gespräch mit Maria Sevenich die Erweiterung des CDU-Zonenausschusses (um die Fraktionsführer in den Landtagen) angeregt.