Rhöndorfer Ausgabe Online
An Franz Graf von Galen
, Haus Merfeld bei Dülmen/WestfalenStBKAH 08.55
Sehr verehrter Herr Graf!
Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 2. d. Mts. und die darin enthaltenen Kritiken und Ratschläge1. Das *Flugblatt von Coesfeld2*Frings 27.4.47* war mir bekannt. Ich war entsetzt über die darin enthaltenen Unwahrheiten. Den Entwurf des Programms3 Ihres verstorbenen Herrn Bruders habe ich mit großem Interesse gelesen. Es sind sehr wertvolle Hinweise darin enthalten, die bei dem Entwurf einer Verfassung von Bedeutung sind. Die Vorschläge des Herrn Landrats Sümmermann scheinen mir mehr für kleinere Verhältnisse, z. B. einen Schweizer Kanton, geeignet zu sein4. Der Hauptgrund unseres mangelnden Erfolges war schlechte Organisation. Das gilt vor allem für Westfalen. Westfalen hat drei Hauptgeschäftsführer, der eine, Herr Steup, sitzt in Dortmund, der andere, Herr Lindner, in Bielefeld, der dritte, Herr Kannengießer, außerhalb Westfalens in Osnabrück. Irgendeine erkennbare Verteilung der Zuständigkeiten scheint nicht vorgenommen worden zu sein, auch scheint es am Zusammenhang der Dreien völlig zu fehlen. Hinzugekommen ist, daß Herr Steup und Herr Lindner als Kandidaten aufgestellt worden sind, so daß sie sich um ihre Wahl gekümmert haben, aber nicht um ihre Angelegenheiten als Geschäftsführer.
Der Zonenausschuß hat vergangene Woche auf seiner Sitzung in Ahlen Beschlüsse gefaßt, die eine straffe Organisation der Partei in der ganzen Zone vorgesehen5. Unsere Aufgabe in den nächsten Monaten wird sein, diesen Vorschlägen entsprechend nunmehr die Parteiorganisationen zu gestalten.
Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit dafür, daß schon vor der Wahl ein Abkommen über die Bildung des Kabinetts zwischen SPD, KPD und Zentrum beschlossen worden ist.
Nichtsdestoweniger sind wir als stärkste Partei an die SPD herangetreten mit dem Vorschlag einer Aussprache über die Bildung der Regierung. Diese Aussprache wird in den nächsten Tagen sein. Ob es zu einer Verständigung kommt, läßt sich nicht sagen. Wenn die Sozialdemokratie darauf beharrt, daß ihre *Anträge über die SozialisierungAnm 1 7.3.47 Rundschau* zur Grundlage der Regierung gemacht werden, werden wir m. E. nicht mittun können. Das Zentrum ist ja für diese Anträge eingetreten.
Daß in der gegenwärtigen Notlage die Deutschen sich nicht zu gemeinsamer Arbeit unter Zurückstellung aller mehr oder weniger theoretischen Gesichtspunkte zusammenfinden können, ist sehr bedauerlich. Ich danke Ihnen nochmals für Ihren Brief und bin mit ergebensten Grüßen
Ihr
(Adenauer)
Graf von Galen hatte in seinen Überlegungen zum westfälischen Wahlergebnis das schlechte Abschneiden der CDU auf Zentrumspropaganda, »das stillschweigende Wahlbündnis zwischen Zentrum und SPD« und eigene Fehler der Union (speziell der Vertreter des ›Christlichen Sozialismus‹) zurückgeführt.
Wahlaufruf des Zentrumskandidaten im Kreis Coesfeld, Friedrich Krabbe (1915-1987; Dr. med., 1947-1958 MdL in Nordrhein-Westfalen) mit mehreren besonders heftigen Angriffen gegen die CDU (»…hat Freimaurer in der Führung! … verbündet sich mit Liberalismus! … will neue eigene Kirche! … verrät die katholische Schule in Hessen! … gegen die Bauern!«).
Im Anschreiben als Grundlage eines späteren endgültigen CDU-Programms empfohlen: ›Entwurf eines Programms von Clemens August, Bischof von Münster, 1945‹ (12 »Grundforderungen« zum »Wiederaufbau und [zur] Neuordnung unserer Heimat und des deutschen Vaterlandes«); Druck: Max Bierbaum, Nicht Lob, nicht Furcht. Das Leben des Kardinals von Galen, Münster 61966, S. 269f.; vgl. Rudolf Morsey, Clemens August Kardinal von Galen, in: Zeitgeschichte in Lebensbildern Bd. 2, S.46 und Rudolf Morsey., Zwischen Verwaltung und Parteipolitik, S. 542f.
Ausführungen Sümmermanns vom 11.9.1945 ›Zur Demokratie in Deutschland‹ (»Das Wohl des Staates liegt in der Hand von Männern, die von unten herauf Erfahrung in der Behandlung öffentlicher Angelegenheiten und Vertrauen erworben haben«).
Vgl. hierzu die kritische Erörterung des Wahlkampfes und -ergebnisses sowie der Parteiorganisation generell bei der CDU-Zonenausschusssitzung vom 29.4.1947 in Ahlen; Druck des Protokolls: Helmuth Pütz (Bearb.), Konrad Adenauer, S. 301f., 312-316.
Speziell zur Situation der Kölner CDU nach der Wahl (Erringung aller 6 Wahlkreise bei ca. 45 % der Stimmen, jedoch unter erheblichen Verlusten gegenüber den Herbstwahlen des Jahres 1946) ist in StBKAH 08.53 Korrespondenz mit Peter Josef Schaeven (CDU-Kandidat im Wahlkreis Köln Alt- und Neustadt, »der Ihnen reserviert war«; Anschreiben vom 21.4.1947) erhalten; Adenauer am 3.5.1947: »Es ist wohl nötig, nach dem Rechten zu sehen.«