Rhöndorfer Ausgabe Online
An Ministerpräsident Theodor Steltzer
, KielStBKAH 08.57, mit ms. Vermerk »Persönlich!«
Lieber Herr Steltzer!
Ihren Brief vom 3. d. Mts.1 habe ich erhalten und bedauere, daß die Ferien Ihnen nicht die gewünschte Ausspannung gebracht haben. Ich hörte vor einiger Zeit aus einer Bemerkung von Herrn Schröter heraus, daß es in Schleswig-Holstein nicht recht stimme, und habe Ihnen darauf auch geschrieben. Aus Ihrem Brief ersehe ich nun, daß meine Mutmaßung mich nicht getäuscht hat. Ich bitte Sie aber, keine voreiligen Entschlüsse zu fassen. Ich könnte mir denken, daß die Wahlaufregung alles andere überschattet und daß nach den Wahlen eine gewisse Klärung und Beruhigung eintreten wird. Ich glaube, daß nach den Wahlen der konstruktive Aufbau in den Ländern der britischen Zone nach einem gemeinsamen Plane vorgenommen werden muß und daß es daher auf die Auffassungen in einem einzelnen Lande nicht so sehr ankommt, wie auf die Auffassung in der gesamten Partei. Ich bitte Sie daher, keine voreiligen Entschlüsse zu fassen. Ich kenne die Stimmung, aus der heraus Sie Ihren Brief anscheinend geschrieben haben. Auch ich möchte oft die ganze politische Arbeit aufgeben, aber sie ist ja eine Verpflichtung, deren man sich nicht so ohne weiteres entziehen kann.
Ich halte es jedenfalls für ganz unmöglich, daß Sie sich völlig aus der Politik zurückziehen. Wir brauchen Sie persönlich und Ihren so wertvollen Einfluß nach der evangelischen Seite hin absolut.
Ich bitte Sie also nochmals: fassen Sie keine voreiligen Entschlüsse, sondern warten Sie zunächst ab!
Ich werde übrigens den Vorsitzenden in den verschiedenen Ländern der britischen Zone schreiben, daß vor der Bildung der Regierungen eine gemeinsame Aussprache im Zonenausschuß erfolgen muß.
Mit herzlichen Grüßen bin ich
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Hierin: Angaben zu »weitgehenden Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Vorsitzenden der Partei [Carl Schröter] und [ihm,] dem Ministerpräsidenten«, die ihn schon jetzt zu der Konsequenz nötigten, keinesfalls »für den Ministerpräsidenten erneut zu kandidieren, einerlei wie das Wahlresultat sein wird.« Vgl. Theodor Steltzer, Sechzig Jahre Zeitgenosse, S. 187, 194f. (von Schröter »in meinen Grundanschauungen durch Welten getrennt«).