Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

8. Februar 1947 (Rhöndorf)

»Notiz über die Sitzung des Arbeitsausschusses der CDU aller Zonen in Königstein/Taunus am 5. und 6.2.1947«

StBKAH 08.59


Auf der Sitzung des Arbeitsausschusses der CDU aller Zonen in Königstein am 5. und 6.2.19471 stand am 6.2. auf der Tagesordnung die Wahl des Vorsitzenden des auswärtigen Ausschusses. Es wurde vorgeschlagen von bayrischer Seite Herr Botschafter a. D. von Prittwitz, von Berliner Seite Herr Kaiser. Die Diskussion war sehr ausgedehnt. Herr Kaiser erklärte, daß Berlin der wichtigste Punkt sei und daß er unter allen Umständen das Recht haben müsse, für die CDU aller 4 Zonen Erklärungen dort abzugeben. Von anderer Seite wurde dem widersprochen. Ich habe ausgeführt, daß es nicht richtig sei, ja direkt gefährlich sei, Herrn Kaiser mit dem Vorsitz in diesem Ausschuß zu betreuen. Er sei in Berlin in sehr exponierter Lage, werde nicht immer frei sprechen können. Erklärungen, die der Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses über auswärtige Angelegenheiten abgebe, seien von solcher Bedeutung, daß sie nur von einem Manne abgegeben werden könnten, der möglichst frei sei. Gerade die Ausführungen des Herrn Kaiser, warum er unter allen Umständen diesen Posten haben müsse, bestärken mich in meiner Auffassung. Die Betrauung des Botschafters von Prittwitz, eines alten Fachmannes, mit dieser Aufgabe, sei mir solche Selbstverständlichkeit, daß Herr Kaiser auch in den Augen der Öffentlichkeit dadurch keine Einbuße erleide.

Da offenbar die Mehrheit auf einem für Kaiser ungünstigen Standpunkt stand, wurde vorgeschlagen, zunächst eine Besprechung des Vorstandes in der Frage abzuhalten. An dieser Vorstandsbesprechung nahmen teil: die Herren Kaiser, Lemmer, Köhler, Steiner, Holzapfel und ich.

Kaiser wiederholte seine Forderung mit größtem Nachdruck. Er erklärte hier, wie vorher im Arbeitsausschuß, daß er »vom Geschick auf diese Stelle gestellt« sei und daß er eine deutsche Aufgabe habe. Es sei unglaublich, wenn man diese Aufgabe nicht anerkennen wolle.

Im Laufe der Debatte stellte Herr Köhler, der vorher wiederholt auf mich dahin einzuwirken versucht hatte, daß ich der Übertragung des Vorsitzes auf Kaiser zustimmen solle, die Frage an Lemmer und Kaiser, ob nicht der tiefere Grund des Anspruchs der sei, daß Herr Kaiser für sich überhaupt die Führung der gesamten Union verlange. Diese Frage wurde von Kaiser und Lemmer bejaht. Da Kaiser in seinen weiteren Ausführungen erregt wurde und es als unglaublich bezeichnete, daß man seinen Anspruch nicht anerkannte, habe ich erklärt, daß jede weitere Diskussion überflüssig sei und ging weg.

Es wurde dann später beschlossen im Arbeitsausschuß, keinen Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten einzusetzen, wohl aber Herrn von Prittwitz damit zu beauftragen, zusammen mit einigen anderen Herren Material zu sammeln usw.

Am 7. Februar baten mich, unmittelbar vor der Abreise, die Herren Kaiser und Lemmer um eine Besprechung. In dieser Besprechung versuchte namentlich Herr Kaiser mich für seine Ansichten zu gewinnen. Ich habe ihm erklärt, daß er alle Dinge unter einem persönlichen Gesichtspunkte betrachte und glaube, es wolle ihm persönlich jemand etwas. Das sei völlig falsch. Jedermann wisse, daß er an einem besonders gefährdeten Posten stehe und dort sehr tapfer für seine Meinung eintrete. Jedermann wisse auch, daß Berlin und er als dessen Vertreter im Hinblick darauf, daß der Kontrollrat in Berlin seinen Sitz habe, besondere Aufgaben habe. Aber im übrigen könne er m. E. geradezu dankbar dafür sein, daß er nicht Vorsitzender des auswärtigen Ausschusses sei, damit er nicht in die Lage versetzt würde, Erklärungen abgeben zu müssen, die sich später doch als unrichtig herausstellen würden. Herr Lemmer sagte darauf, ob denn nicht eine Verständigung in der Richtung möglich sei, daß Herr von Prittwitz Vorsitzender des Ausschusses sei, aber Herr Kaiser beauftragt werde, die Erklärungen und die Beschlüsse dieses Ausschusses mitzuteilen. Ich habe ihm erwidert, daß das m. E. zu überlegen sei. Ich verstünde nicht, daß die Berliner Herren nicht vorher um eine vertrauliche Besprechung in kleinem Kreise gebeten hätten, um ihre Wünsche darzulegen und den Versuch zu machen, eine Lösung etwa in der von Herrn Lemmer vorgeschlagenen Weise zu suchen.

(Adenauer)


  1. ^

    Erstes Zusammentreffen führender CDU/CSU-Vertreter aller Zonen seit dem Godesberger Reichstreffen vom Dezember und der vorbereitenden Königsteiner Konferenz im August 1946; das entscheidende Ergebnis: die Konstituierung der CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft und Schaffung bzw. Planung von Ausschüssen für die Gesamtpartei (in den Bereichen: Verfassung, Außenpolitik, Wirtschaftspolitik, Organisation und Kulturpolitik); vgl. das von Bruno Dörpinghaus gezeichnete Sitzungsprotokoll und dessen diesbezügliche spätere Darstellung (Die Arbeitsgemeinschaft, S. 194f.) sowie Arnold J. Heidenheimer, Adenauer, S. 97-100; Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 123-133 und Alf Mintzel, Die CSU, S. 268.