23. Juni 1963

Tischrede von Bundeskanzler Adenauer bei einem Essen zu Ehren von Präsident Kennedy im "Haus des Bundeskanzlers"

Antwort von Präsident Kennedy

 

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Herren!

Zum ersten Male weilen Sie, Herr Präsident, als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in unserem Lande. Es ist dem deutschen Volke, für das ich spreche, ein von ganzem Herzen kommendes Bedürfnis, Ihnen als dem obersten Repräsentanten des amerikanischen Volkes von Herzen für die Menschlichkeit, für die Großherzigkeit und die Klugheit zu danken, die die Vereinigten Staaten nach dem Zusammenbruch Deutschlands gezeigt haben. Die Vereinigten Staaten traten damals, an der Spitze der Sieger im Weltkrieg stehend, für die Ideale der Freiheit und der Menschlichkeit schlechthin ein. Ihr Volk hat damals erkannt, dass Frieden und Freiheit auch für die besiegten Völker gelten müssen, wenn dem Frieden und der Freiheit auf der Erde wieder eine dauernde Heimstatt bereitet werden sollte. Der damalige Entschluss Ihres Volkes wird in der Geschichte der Menschheit mit goldenen Lettern verzeichnet werden. Uns Deutschen ist es dadurch ermöglicht worden, unser zerstörtes Land wieder aufzubauen. Uns ist aber dadurch auch die Möglichkeit geschenkt worden, unseren Teil beizutragen zur Ächtung des Krieges, zur Herbeiführung eines wahren Friedens auf unserer so leidgeprüften Erde. Seien Sie überzeugt, Herr Präsident, dass diese Gedanken die Leitgedanken des deutschen Volkes bei seiner Arbeit in dem Zeitraum seit 1945 waren und dass sie es immer bleiben werden.

Noch ist das Ziel nicht erreicht. Noch durchziehen Spannungen, unerhört verschärft und gefährlicher gemacht durch die unvorstellbare Reichweite und die unvorstellbar fürchterliche Wirkung der nuklearen Waffen, fast die ganze Erde. Ich verschließe nicht die Augen vor den Gefahren, die einem jeden Volke auf der Erde drohen. Aber die Völker und vor allem ihre Führer haben diese Gefahren erkannt. Diese Erkenntnis sollte ein Schutz vor diesen Gefahren sein, und sie wird ein Schutz sein. Ihr großes Land, Herr Präsident, hat die Führung in dem Ringen um wirkliche Sicherheit, um den wirklichen Frieden auf der Erde übernommen. Seien Sie überzeugt, dass das deutsche Volk weiß, dass gerade ihm die Pflicht obliegt, für den Frieden einzutreten, und seien Sie überzeugt, dass das deutsche Volk, dieser Pflicht eingedenk, alles tun wird, um zu dem Ziel, diesem gemeinsamen großen Ziel, zu gelangen. Es war ein wahrhaft schöner Tag heute, Herr Präsident, von der Landung in Wahn angefangen über Köln, über die Feier im Rathaus in Köln, über Ihre Ansprache zu der großen Volksmenge vor dem Rathaus, vom Gottesdienst im Dom, von der Fahrt nach Bonn, und dann in Bonn diese für Bonn ganz ungeheuer große Volksmenge, die dort vor dem Rathaus Ihre ausgezeichneten Worte angehört hat.

Herr Präsident, Sie haben die Gesichter und die Augen der Menschen gesehen, die die Wege und Straßen einsäumten und die Ihnen zugehört haben. Sie haben - ich glaube, das habe ich wahrgenommen - einen tiefen Eindruck bekommen von der Aufgeschlossenheit und von der Zuversicht und von dem festen Willen dieser Bevölkerung, mit Ihnen, Herr Präsident, zusammenzuarbeiten, damit wir diese gemeinsamen Ziele, von denen Sie auch gesprochen haben, erreichen.

Ich glaube, Herr Präsident, Sie haben bei diesen Gelegenheiten, bei dieser Fahrt und bei den Feiern - so wie ich das empfunden habe - den Eindruck einer großen Unmittelbarkeit des Gefühls gehabt, die Ihnen entgegenschlug, einer wahren Woge der Wärme und der Freundschaft. Sie galt Ihrem Lande; aber, glauben Sie mir, sie galt heute in erster Linie Ihrer Person. Vor Ihrer Tätigkeit hat das deutsche Volk einen großen Respekt bekommen, und diesen Respekt zusammen mit der Freundschaft gegenüber dem Volke der Vereinigten Staaten haben Sie heute gesehen.

Für mich ist dieser Tag unvergesslich. Ich möchte meinen deutschen Freunden noch sagen, dass gerade dieser Tag für uns Deutsche die größte Anerkennung unserer bisherigen Politik ist, die uns überhaupt gegeben werden konnte. Und ich bin dem Himmel dankbar, Herr Präsident, dass er die Sonne hat scheinen lassen. Ich bin dem Himmel umso mehr dankbar, weil gestern die Presse geschrieben hatte, gegen Abend würden Eintrübung und Regenwetter kommen. Nun, die Presse hat in ihren Berichten nicht immer absolute Sicherheit des Empfindens, des Gefühls und des Wissens. Ich will der Presse keinen Vorwurf machen, dass sie das Wetter nicht im Voraus bestimmen kann; Gott sei Dank kann sie es nicht. Meine verehrten Herren, uns ist der Himmel gnädig gewesen. Die Sonne hat heute auf uns geschienen, und nicht nur die Sonne vom Himmel, sondern auch die Sonne in den Herzen der Menschen.

Ich bitte Sie, meine verehrten Herren, Ihr Glas zu erheben in Verehrung und Dankbarkeit für unseren Gast, den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

 

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 108 vom 25. Juni 1963, S. 961.