Rhöndorfer Ausgabe Online
An Jakob Bless
, HonnefStBKAH 12.22
Sehr geehrter Herr Dr. Bless!
Zu meinem großen Bedauern ist es mir unmöglich, an der heutigen Versammlung in Honnef teilzunehmen, da ich auf einer schon lange angesetzten Versammlung in Dortmund sprechen muß1. Ich kann daher auf das von der SPD Köln heute in Honnef verbreitete Flugblatt persönlich nicht antworten. Ich bitte Sie, folgendes für mich zu erklären2:
Der Vorsitzende der SPD, Dr. Schumacher, hat vor einigen Monaten in München öffentlich erklärt, die 12 Familien, die das rheinisch-westfälische Industriegebiet beherrscht hätten, seien zwar verschwunden, aber ihre Verwandten und Erben warteten darauf, diese Herrschaft wieder anzutreten. Sie seien alle Mitglieder der CDU. Ich habe im Landtag Nordrhein-Westfalen Herrn Dr. Schumacher öffentlich aufgefordert, Namen zu nennen, und hinzugefügt, wenn er diese Namen nicht in gemessener Zeit nennen werde, wisse jeder, was man von seinen Behauptungen zu halten habe. Ich stelle fest: er hat keinen einzigen Namen genannt. An seiner Stelle hat der sozialdemokratische Parteivorstand Deutschlands öffentlich erklärt, man wolle sich mit mir nicht in eine Polemik einlassen. Ich überlasse es jedem, die nötigen Folgerungen aus diesem Kneifen zu ziehen.
Genau so wie mit dieser Behauptung Schumachers ist es mit den Behauptungen des Flugblattes. Ich stehe mit keinem irgendwie früher oder jetzt maßgebenden Manne der »Industriekapitäne« in Verbindung. Keiner hat auch nur den Versuch gemacht, direkt oder indirekt irgendwie Einfluß auf mich zu gewinnen. Unsere Anträge im Landtag von Nordrhein-Westfalen sind das von einer Kommission, die aus Arbeitnehmern, Arbeitgebern, Mittelständlern, Wissenschaftlern und Konsumenten bestand, einstimmig nach langer Beratung angenommene Ergebnis3.
In Nordrhein-Westfalen gibt es, wie jeder Mann weiß, fast keinen Grundbesitz, der unter die beabsichtigte Bodenreform fällt. Daß ich der Vertrauensmann der Ostelbier sei, ist eine Entdeckung, die zu machen, den Sozialdemokraten vorbehalten blieb.
Ich bitte, diesen Brief in der Versammlung zur Verlesung zu bringen.
Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Das Anschreiben des Honnefer Zahnarztes Jakob Bless (1898-1970; CDU-Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender der dortigen Ortspartei) konnte nicht nachgewiesen werden.
Zum nachfolgenden vgl. die Ausführungen Adenauers vor dem nordrhein-westfälischen Landtag am 23.1.1947 (Stenographischer Bericht über die 5. Vollsitzung, S. 20f.).
Vgl. die Ausführungen Adenauers vor dem nordrhein-westfälischen Landtag am 23.(!).1.1947 (Stenographischer Bericht über die 4. Vollsitzung, S. 10-12) und die auf dieser Grundlage und in Ausführung des Ahlener Programms dem Landtag vorgelegten wirtschaftspolitischen CDU-Anträge; Druck: Antonius John, Ahlen, S. 127-136. Hierzu ausführlich: Rudolf Uertz, Christentum, S. 107f. Vgl. auch das Schreiben an die Lizenzträger der »Kölnischen Rundschau« vom 7.3.1947.