Rhöndorfer Ausgabe Online
An Maria Sevenich
, Langförden/OldenburgStBKAH 08.07
Liebe Frau Sevenich!
Die Reaktion, die jetzt nach dem 30-tägigen Hungern bei Ihnen einsetzt, überrascht mich in keiner Weise1. Ich war noch auf stärkere Rückwirkungen gefaßt. So froh ich war, als ich Sie verhältnismäßig wohl antraf bei meinem Besuch, so ging ich doch in großer Besorgnis weg und würde sie auch jetzt noch haben, wenn ich nicht Ihren eisernen Willen kennte. Sie müssen mit derselben Energie und Entschlossenheit, mit der Sie gehungert haben, nun alles daran setzen, um die Folgen des Hungerns zu überwinden, und zwar sowohl in körperlicher wie in geistiger Hinsicht. Wenn Sie es fertigbringen könnten, einmal eine Zeit lang sich ganz passiv zu verhalten, auch in Ihren Gedanken und Überlegungen, so würden Sie am schnellsten dem Leben wiedergegeben sein. Ich bitte Sie sehr, das zu versuchen. Sie erfüllen dadurch auch eine Pflicht gegenüber dem deutschen Volke und gegenüber unserer Partei, auch gegenüber unserem Herrgott. Ich hoffe sehr, daß gerade der Gedanke an ihn Ihnen auch jetzt die nötige Kraft gibt, völlig passiv eine Zeit lang zu sein. Wenn Sie sich während dieser Zeit der Erholung mit irgendwelchen Büchern beschäftigen, die nicht unmittelbar mit den Tagesereignissen zusammenhängen, so würde ich das sehr begrüßen.
Das Jahr 1947 wird für uns Deutsche und für unsere Partei sehr schwere Aufgaben bringen. Es wird sich zunächst darum handeln, dafür zu sorgen, daß die Länder der britischen Zone eine gute Verfassung bekommen. Es wird nicht leicht sein, innerhalb unserer Partei dabei alles auf eine Linie zu bringen, namentlich auch bei den Fragen, die letzten Endes doch für die Zukunft die entscheidendsten sind: bei den Fragen um Schule, um Elternrecht und Verhältnis von Kirche zu Schule und das Verhältnis von Kirche zum Staat.
Auch in der Frage der Zukunft unserer Industrie, insbesondere der Verstaatlichung unserer Grundindustrien, wird es innerhalb unserer Partei zunächst zu sehr starken Meinungsverschiedenheiten kommen. Der »östliche Wind« weht2, wie ich fürchte, doch ziemlich heftig herüber, obgleich er nach meinen Empfindungen nur gern empfunden wird von einem verhältnismäßig geringen Prozentsatz unserer Wählerschaft. Für mich sind bei dieser Frage folgende Gedanken entscheidend:
Wirtschaftliche Macht darf nicht zur Stärkung der politischen Macht dienen. Es war in der Vergangenheit falsch, es würde auch in Zukunft falsch sein, wenn wir die wirtschaftliche Macht in der Hand eines schließlich doch von verhältnismäßig wenigen Leuten regierten demokratischen Staates vereinigt halten. Vielleicht mag das in England nicht gefährlich sein, obgleich ich es bezweifle. Aber immerhin, in England waren vor allem zwei Momente, die es verhüten würden, daß eine erhebliche wirtschaftliche Macht in der Hand des Staates zu einer mehr oder weniger verstärkten Diktatur und zum Verlust der persönlichen Freiheit führen würde. Diese Momente sind folgende:
In erster Linie das Freiheitsgefühl des einzelnen Engländers, das in diesem Volke doch sehr stark vorhanden ist; ferner gewisse Institutionen, wie z. B. in Universitäten, die in England durchaus ein Eigenleben haben und denen dieses Eigenleben vom ganzen Volke auch zunächst noch gegönnt und zugebilligt wird. Daß eine Diktatur nicht nur von rechts, sondern auch von links kommen kann, beweist ja nicht nur Rußland, sondern auch der letzte Kohlenarbeiterstreik in USA3. Ich meine, wir müßten gerade diesen Gedanken des Schutzes der Freiheit sehr stark bei allen Entscheidungen, die wir in Zukunft zu treffen haben, herausstellen. Es wird das nicht nur im Inland, es wird das auch im Ausland verstanden werden. Herr Kaiser, Berlin, hat ein Meisterstück vollbracht! Er hat einen Herrn Klöcker, Regierungsdirektor a. D., der früher im Reichssekretariat der Zentrumspartei tätig war, mit einem Empfehlungsschreiben zur CDU in Osnabrück und in Hannover geschickt, um dort für eine Verschmelzung der CDU mit dem neuen Spiecker'schen Zentrum zu einer neuen Partei, der »Union der Mitte«4, Stimmung zu machen! Vorher hat Herr Klöcker eine ausgedehnte Korrespondenz mit Herrn Spiecker geführt. Er wird Samstag dieser Woche eine Unterredung mit Herrn Pfad haben. Er war so naiv, Herrn Pfad Abschrift seiner gesamten Korrespondenz mit Spiecker zur Orientierung zurückzulassen. Herr Pfad hat in sehr loyaler Weise mir Abschriften davon zugesandt5. Herr Pfad hat ihn weiter gefragt, ob die Verhandlungen mit Spiecker mit meinem Vorwissen geführt würden. Herr Klöcker hat ihm erwidert, nach dem Wunsch der Beteiligten sollten diese Verhandlungen zunächst vor mir geheimgehalten werden.
Ich werde die Angelegenheit auf dem Zonenausschuß in Lippstadt zur Sprache bringen6. Ich zweifle keinen Augenblick, daß ich das entsprechende Echo dort erhalten werde.
Wie es in München mit Herrn Dr. Müller steht, werden Sie wissen. Man muß jetzt abwarten, wie die Untersuchung der Amerikaner ausfällt7.
Wir hatten vorgestern in Düsseldorf den ersten Parteitag der CDU der Nordrheinprovinz seit Bestehen der Parteien. Der Parteitag war außerordentlich stark besucht, die Stimmung und das Interesse sehr gut. Ich hatte vor kurzem gehört, daß man von gewerkschaftlicher Seite unter dem Vorwande, daß ich einer Entlastung bedürfe, eine Attacke gegen mich reiten würde. Es kam aber ganz anders: Ich wurde einstimmig mit einer außerordentlich warmen Begründung des Herrn Albers wiedergewählt8. Das ist natürlich für die ganze Politik der CDU in der britischen Zone von sehr großer Bedeutung.
Sie werden gelesen haben, daß Mr. Hynd beabsichtigt, die gesamte Schlüsselindustrie nicht etwa einem der Länder zu übertragen, sondern der neu zu errichtenden Zentralregierung9. Von allem anderen abgesehen, würden wir damit ein zentralistisches Reich von einer Allmacht bekommen, wie wir es zur Zeit des Nationalsozialismus gehabt haben. Es ist mir ganz unverständlich, wie die Engländer zu einer solchen Idee kommen. Jedenfalls werden aber durch solche Pläne auch innerhalb unserer Partei sehr schwierige Situationen entstehen. Ich weiß noch nicht, wie sich das alles lösen wird. Die entscheidenden Punkte für unsere Partei in der britischen Zone werden in den nächsten Monaten sein: die Frage der Schule, Elternrecht, Kirche, Staat, 2-Kammer-System und die Frage der eventuellen Verstaatlichung. Es wird sehr sorgfältiger Überlegungen und Vorbereitungen bedürfen, um hier den richtigen Weg zu finden und unsere Einigkeit zu bewahren. Ich hoffe, daß Sie wenigstens in einigen Wochen wieder so weit sein werden, um dann aktiv eingreifen zu können. Herr Dr. Siemer wird mir wohl in Lippstadt über Ihr Befinden nähere Auskunft geben können10.
Sie bitte ich vor allem, sich nochmals absolut zu schonen, auch wenn sich bei Ihnen Anzeichen der Besserung bemerkbar machen, haben Sie Geduld! Sie sind in den Monaten Januar, Februar, März so dringend notwendig, daß Sie sich mindestens noch für Dezember eine absolute Karenzzeit auferlegen müssen! Und außerdem werden große Anforderungen an Sie gestellt werden. Ich möchte auch nochmals anregen, einen weiteren Arzt zuzuziehen. Ich kann mir nicht denken, daß ein so tiefer Eingriff wie das 30-tägige Hungern ohne sehr ernste Veränderungen körperlicher und seelischer Natur bleibt. Diese Veränderungen können nur sehr langsam wieder sich ausgleichen. Ich bitte Sie dringend: ziehen Sie einen sehr erfahrenen weiteren Arzt zu!
Mit herzlichen Grüßen, auch von meiner Frau, wie immer
Ihr
Maria Sevenich hatte am 7.12.1946 von den Auswirkungen ihres Hungerstreiks berichtet; vgl. die Schreiben an Maria Sevenich vom 11.11.1946 und vom 6.12.1946.
Jakob Kaiser in einer von Maria Sevenich zitierten Rede vor dem CDUD-Vorstand am 6.11.1946: »Der scharfe soziale Wind, der von Osten weht, wird manche alte überlebte Meinung in unserem Volke mit fortwehen …«; zu dieser Rede vgl. Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 112f.
Grubenarbeiterstreik in den USA im April/Mai 1946.
Zum Hintergrund dieser Bestrebungen vgl. Hans Georg Wieck, Christliche und freie Demokraten, S. 57f.
Das Anschreiben Pfads vom 6.12.1946 (»… glaube ich … , in alter Mannestreue Sie unterrichten zu müssen …«) ist mit den erwähnten Abschriften (von drei Schreiben Klöckers, von zwei Schreiben Spieckers) in StBKAH 08.56 erhalten; zentrales Anliegen beider Briefpartner: »die Bildung einer großen demokratischen, sozialen und christlichen Mitte« (Klöcker am 21.11.1946).
Vgl. Helmluth Pütz (Bearb.), Konrad Adenauer, S. 236f., 251f.
Eigene Angaben Josef Müllers zu dem im Dezember 1946 gegen ihn eingeleiteten Entnazifizierungsverfahren in: Bis zur letzten Konsequenz, S. 323 f.; vgl. Walter Berberich, Die historische Entwicklung, S. 76.
In Düsseldorf waren am 10.12.1946 neben dem Vorsitzenden Adenauer gewählt worden: Johannes Albers als stellvertretender Vorsitzender, Robert Lehr und Heinrich Scheppmann als weitere Vorstandsmitglieder; hierzu und zu der in Düsseldorf gehaltenen Rede Adenauers vgl. ›Die Welt‹ vom 12.12.1946, S. 2.
Vgl. Horst Lademacher, die britische Sozialisierungspolitik, S. 64-68.
Am Rande der CDU-Zonenausschusstagung in Lippstadt wurde am 17.12. 1946 eine CDU-Großkundgebung durchgeführt, in deren Mittelpunkt das erste öffentliche Auftreten Maria Sevenichs nach ihrem Hungerstreik stand; Druck ihrer dabei gehaltenen Rede: Helmuth Pütz (Bearb.), Konrad Adenauer, S. 266-277.