Rhöndorfer Ausgabe Online
An Raymond L. Hiles
, Dallas/TexasStBKAH 07.05
Lieber Freund!
Meine Frau und ich haben uns herzlichst gefreut über Ihren Brief vom 29. November d.Js.1
Ich danke Ihnen, daß Sie uns nicht vergessen haben. Seien Sie überzeigt, daß auch wir Sie in allerberster Erinnerung behalten haben. Ich darf Ihnen sagen, daß gerade Sie so sympathisch auf mich wirkten, daß ich die Tatsache der Besetzung durch eine fremde Macht damals gar nicht empfunden habe. Es war wirklich so, als wenn Freunde zu uns gekommen wären.
Ich danke Ihnen auch für das angekündigte Paket. Hoffentlich trifft es vor Weihnachten hier ein.
Leider geht es meiner Frau gar nicht gut. Sie ist schon seit über zwei Monaten in Bonn im Krankenhaus infolge einer sehr ernsten Erkrankung, die wieder auf den Schäden beruht, die sie sich seinerzeit im Gefängnis in der Nazizeit zugezogen hat. Wir werden infolgedessen ein sehr ernstes Weihnachtsfest feiern.
Ich hoffe, daß das Jahr 1948 doch den Beginn einer Wende uns bringt. Die Lage hat sich bei uns in einer kaum mehr erträglichen Weise verschlechtert. Ich bewundere die Großzügigkeit und den Weitblick des amerikanischen Volkes. Ich hoffe, daß US sich auch gegenüber europäischen widerstrebenden Einflüssen durchsetzt. Nur die Vereinigten Staaten können Deutschland und Europa retten.
Wenn Sie nach Europa bezw. nach Deutschland zurückkommen, dürfen Sie dies nicht tun, ohne mich aufzusuchen.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Weihnachtsfest und alles Gute für 1948!
In alter Treue
Ihr
(Adenauer)
Hiles hatte mit diesem Schreiben das erste Zusammentreffen in Rhöndorf – im März 1945 – in Erinnerung gebracht: »In spite of our language handicap I felt that mutual respect and understanding existed between us even while the shooting war was going on.« (Den Empfang eines am 29.11.1947 ebenfalls angekündigten Weihnachtspäckchens – Kaffee und Zucker – bestätigte Adenauer am 5.1.1948: »Es war zwar beschädigt und nicht unerheblich bestohlen, aber wir haben … uns … über das Zeichen der Anhänglichkeit sehr gefreut«). Zur Rückkehr Hiles' in die USA (März 1946) und seiner dortigen Tätigkeit (Leiter eines Lagers für Kriegsveteranen in Nord-Texas) sind in StBKAH 07.03 / 07.06 Schreiben einer gemeinsamen Bekannten (Ruth Wielspütz, Augsburg) erhalten