Rhöndorfer Ausgabe Online
An Mr. L. H. Long bei der Militärregierung für Nordrhein-Westfalen
, DüsseldorfStBKAH 08.61
Sehr geehrter Mister Long!
In folgendem wiederhole ich meine bereits mündlich vorgetragene Bitte, Herrn General Robertson folgendes zu übermitteln:
In der langen Rede, die der Direktor des Amtes für Wirtschaft in Frankfurt (Main), Dr. Semler, am 4..januar d. Js. vor dem Landesausschuß der CSU in Bayern in Erlangen gehalten hat1, finden sich einige kritische Äußerungen gegenüber den Besatzungsbehörden, die zweifellos über das zulässige Maß hinausgehen. Ich würde es aber im Interesse des Wiederaufbaues der Wirtschaft der beiden Zonen für sehr bedenklich halten, auf eine Entfernung des Herrn Semler von seinem Posten zu dringen. Jeder Wechsel in der Person des Leiters wird zweifellos eine erhebliche Verzögerung hinsichtlich der Erfolge in der Wiederaufbauarbeit bringen.
Die Lage in der Bizone ist aber so kritisch und so gespannt, daß m. E. diesem sachlichen Gesichtspunkte nach Möglichkeit Rechnung getragen werden müßte.
Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Rede Johannes Semlers »›über die Möglichkeit einer Wirtschaftsgesundung und Währungsreform‹«, in der Kurzformel der heftigen öffentlichen Auseinandersetzung (vgl. unter anderem ›Der Spiegel‹ Nr. 3 [1947], S. 3 f.) die sog. ›Hühnerfutterrede‹ :»Was hat man auf Seiten der Alliierten für uns getan? Man hat uns Mais geschickt und Hühnerfutter, und wir zahlen es teuer … Es wird Zeit, daß deutsche Politiker darauf verzichten, sich für diese Ernährungszuschüsse zu bedanken«; zit. nach Tilman Pünder, Das bizonale Interregnum, S. 152. Bei Pünder (S. 152-156) auch ausführliche Angaben zum Verlauf der durch die Rede ausgelösten Führungskrise in der Frankfurter Wirtschaftsverwaltung, die zur Ablösung Semlers (27.1.1948) und zur Wahl Ludwig Erhards als Nachfolger im Amt des Direktors der Verwaltung für Wirtschaft (2.3.1948) führte. – Über die Position Adenauers geben eine Presseerklärung in ›Die Welt‹ vom 27.1.1948 sowie die Angaben in den Schreiben an Otto Boelitz vom 28. Januar 1948, an Franz Schulte vom 10. Februar 1948 und an Februar 1948 und Albert C. Schweizer vom 26.2.1948 Aufschluss.