Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

28. Januar 1948 (Rhöndorf)

An Staatsminister a.D. Otto Boelitz

, Honnef

StBKAH 07.17


Sehr verehrter Herr Minister!

Wie ich Ihnen bereits telefonisch sagen mußte, ist es mir infolge einer sehr wichtigen politischen Besprechung1 zu meinem großen Leidwesen nicht möglich, an der heutigen Feier teilzunehmen2. Ich bedauere außerordentlich, daß ich nicht mit Ihnen dem Andenken dieses großen Deutschen und Rheinländers, der wie wir, auf christlicher Grundlage fußend, für Recht und Freiheit gekämpft hat, huldigen kann. Ich bitte, den anwesenden Herrn dieses mein Bedauern, nicht teilnehmen zu können, zu übermitteln.

Wie ich nach meinem telefonischen Anruf gehört habe, wird meine Inanspruchnahme in Köln so lange währen, daß ich leider nicht in der Lage bin, an der Pressekonferenz teilzunehmen. Ich würde das um so lieber getan haben, als die Entlassung des Direktors Semler und die Absetzung des Herrn Professor Konen3die Verhängung einer Auflagennachricht bezüglich seines Ausscheidens und das Redeverbot für ihn doch zu einigen grundsätzlichen Äußerungen zwingen.

Wenn Sie es für richtig halten, so bitte ich, den Herren, die an der Pressekonferenz teilnehmen werden, folgendes als meine Meinung mitzuteilen4.

Die Entlassung des Direktors Semler durch die Militärregierungen ist von großer prinzipieller Bedeutung. Die Persönlichkeit Semler's, seine in manchen Teilen nicht haltbare Rede treten völlig zurück hinter der Tatsache, daß der vom Wirtschaftsrat gewählte Direktor durch die Militärregierung abgesetzt wird. Selbstverständlich ist es das Recht der Militärregierungen, dem Wirtschaftsrat oder auch einem der Direktoren zusagen, daß man nicht in der Lage sei, weiter mit ihm arbeiten zu können. Der betreffende Beamte oder der Wirtschaftsrat würden dann dazu Stellungnehmen müssen. Aber es ist völlig unvereinbar mit den primitivsten Begriffen von Freiheit und Demokratie, daß der Direktor einfach abgesetzt wird. Diese Maßnahme zwingt, die Vorschläge der beiden Militärregierungen zur Neuregelung des Wirtschaftsrats sehr ernst zu überprüfen. Der darin vorgesehene Oberdirektor5hat eine sehr einflußreiche Stellung. Er soll vom Wirtschaftsrat gewählt und vom Länderrat6 bestätigt werden, aber allein die Militärregierungen können ihn absetzen. Ein Mißtrauensvotum des Wirtschaftsrats kann ihm gleichgültig sein. Dieser Oberdirektor würde, wenn diese Vorschläge bleiben, nichts anderes sein, als eine von den Militärregierungen völlig abhängige Persönlichkeit. Wo bleibt da die Selbstverantwortung der Deutschen, ihre Freiheit? Wo bleibt die Demokratie? Man sollte sich klarmachen, daß man Herrn Semler zur populärsten Persönlichkeit in Deutschland jetzt gemacht hat, und man sollte sich weiter darüber klar sein, daß man auf diese Weise nicht die Deutschen der Bizone zur freiwilligen und freudigen Mitarbeit am Marshall-Plan gewinnen kann. Ich wünsche Ihnen einen recht schönen Verlauf des heutigen Tages und bin mit hochachtungsvollen Grüßen

Ihr sehr ergebener
(Adenauer)

 


  1. ^

    Vgl. Anm. 2 im Schreiben an Wilhelm Böhler vom 7.1.1948 und Anm. 1 im Schreiben an Heinrich Müller vom 3.2.1948.

  2. ^

    Boelitz hatte Adenauer mit Schreiben vom 5.1.,7.1. und 13.1.1948 zu einer in Bad Honnef am 28.1.1948 geplanten Feierstunde aus Anlass des 100. Todestages des Schriftstellers und Historikers Joseph von Görres (1776-1848) eingeladen.

  3. ^

    Heinrich Konen hatte nach dem Rücktritt vom Posten des nordrhein-westfälischen Kultusministers (vgl. die Schreiben an Jakob Erdmann vom 11.11.1947, an Christine Teusch vom 10.12.1947 und an Heinrich Konen vom 27.12.1947) auch auf das Amt des Rektors der Universität Bonn verzichten müssen (Vorwurf der britischen Militärregierung, nationalsozialistisch belastete Studienbewerber in der Zahnmedizin begünstigt zu haben; hierzu Korrespondenz mit Konen sowie ein Schreiben von Brigadier Barraclough vom 5.2.1948 in StBKAH 07.05).

  4. ^

    Vgl. die Schreiben An L.H. Long vom 17.1.1948, an Franz Schulte vom 10.2.1948 und an Albert C. Schweizer vom 16.2.1948.

  5. ^

    Vgl. Anm. 1 im Schreiben an Hermann Pünder vom 30.3.1948.

  6. ^

    Zum Frankfurter Länderrat, der im Zuge der Neuordnung der Organe des Vereinigten Wirtschaftsgebiets an die Stelle des bisherigen Exekutivrats getreten war, vgl. Tilman Pünder, Das bizonale Interregnum, S. 137-142.