Rhöndorfer Ausgabe Online
An Dr. Heinrich von Brentano, Darmstadt, und Oberbürgermeister Dr. Hans Redlhammer, Wiesbaden
StBKAH 08.59 (von Brentano)/StBKAH 08.61 (Redlhammer), gleichlautende Schreiben mit ms. Vermerk »Persönlich! Vertraulich!«, Durchschlag mit Begleitschreiben vom 19.8.1947 an Dr. Josef Müller, München
Sehr geehrter Herr von Brentano!/
Sehr geehrter Herr Redlhammer1!
Sie werden wohl schon gehört haben, daß Herr Köhler (Hessen) nochmals versucht hat, den Sozialdemokraten den Posten eines Direktors des Amtes für Wirtschaft zuzuwenden. Unsere Fraktion im Wirtschaftsrat hat sich aber nicht darauf eingelassen. Die politische Haltung des Herrn Köhler macht mir große Sorgen2. Sie tut das um so mehr, als er von Herrn Hilpert anscheinend gestützt wird und als er bei seinen politischen Extratouren seine Eigenschaft als Präsident des Wirtschaftsrats unberechtigter Weise stark zur Geltung bringt.
Die Lage der CDU in der amerikanischen Zone, insbesondere in Hessen und in Baden-Württemberg, beobachten wir überhaupt von hier aus mit steigender Unruhe. Es scheint uns durchaus an einer festen und klaren Führung zu mangeln. Ich weiß, daß Sie und die übrigen Herren in Wiesbaden, die ich seinerzeit gesprochen habe, diese Sorgen im wesentlichen teilen werden. Besteht nicht die Möglichkeit, daß Sie und die Wiesbadener Herren zusammen mit Herrn Oberbürgermeister Redlhammer/ Herrn von Brentano versuchen, die Verhältnisse in Hessen in Ordnung zu bringen?
In gleicher Weise sind beunruhigende Verhältnisse in Baden-Württemberg. Ich brauche auch das nicht weiter zu begründen. Wissen Sie dort einen Rat?
Meine Sorge um die parteipolitische Entwicklung in Baden-Württemberg und in Hessen ist um so stärker, als ich allen Grund habe, anzunehmen, daß das Zentrum schon in allernächster Zeit zu Gründungen in Hessen und in Württemberg-Baden, gerufen durch dortige, mit der Haltung der CDU unzufriedene Kreise, schreiten wird3.
Ich richte den gleichen Brief an Herrn Oberbürgermeister Redlhammer, Wiesbaden/an Herrn von Brentano4. Ich bitte, meine Anregung durchaus vertraulich zu behandeln, um nicht Unwillen gegen eine Einmischung von außen hervorzurufen, weil man es gewissen Strömungen leicht machen würde, durch Anrufung dieser Instinkte einer Änderung der Verhältnisse dort entgegenzuwirken.
Ich bin mit ergebensten Grüßen
Ihr
(Adenauer)
In dem – ansonsten identischen – Schreiben an Redlhammer stellt Adenauer mit dem nicht abgedruckten ersten Satz den Bezug zum Anschreiben vom 5.8.1947 her (hierin enthalten: Informationen über eine von Erich Köhler einberufene Sitzung des erweiterten Vorstands der hessischen CDU am 4.8.1947, die dabei ausgesprochene Missbilligung der Handlungsweise Adenauers bei der Frankfurter Direktorenwahl und die fortgesetzten Bemühungen Köhlers um Absprache mit der SPD bei den noch zu fällenden Entscheidungen im Exekutiv- und Wirtschaftsrat).
Vgl. Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 113 und Anm. 3 im Schreiben an Hans Schlange-Schöningen vom 21.8.1947.
Vgl. die Schreiben an Friedrich Holzapfel vom 21.8.1947, an Heinrich von Brentano vom 2.9.1947 und an Carl Spiecker vom 19.10.1947.
Der ins einer Eigenschaft als CDU-Fraktionsvorsitzender im hessischen Landtag angeschriebene von Brentano empfahl mit seiner Antwort vom 23.8.1947, die aufgetretenen Mißverständnisse und Schwierigkeiten in der CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft zu beheben; auch sollten die CDU-Landtagsfraktionen untereinander sowie deren Vorstände und die jeweiligen Kabinettsmitglieder neue Formen der Verständigung erproben; vgl. das Schreiben an Heinrich von Brentano vom 2.9.1947.