Rhöndorfer Ausgabe Online
An Dr. Friedrich Holzapfel
, HerfordStBKAH 08.61, mit ms. Vermerk »Persönlich! Vertraulich!«
Lieber Herr Holzapfel!
Im Nachgang zu meinem Briefe vom 16. d.Mts.1 darf ich noch folgendes ausführen:
Als Nachfolger von Herrn Köhler, Baden, ist Staatssekretär Gögler, Stuttgart, bestimmt worden. Herr Gögler ist ein kluger und charaktervoller Mann. Inwieweit derselbe wirtschaftliche Erfahrung hat, weiß ich nicht. Jedenfalls empfiehlt es sich, die Verbindung mit ihm sehr zu pflegen. Die Frage des Vertreters von Nordrhein-Westfalen im Exekutivrat wird baldigst gelöst werden müssen. Ich habe vertraulich erfahren, daß die SPD Herrn Dr. Spiecker diese Stelle angeboten hat und daß Herr Spiecker nicht abgeneigt ist, zuzusagen2. Das Stimmenverhältnis im Kabinett ist Ihnen bekannt (SPD, KPD und Zentrum haben zusammen die Mehrheit). Wenn man die zukünftige Entwicklung ins Auge faßt, wird die Besetzung dieser Stelle besonders wichtig. Wenn die französische Zone hinzukommt, und das wird ja sicher in absehbarer Zeit der Fall sein3, und wenn die französische Zone dann 3 der CDU angehörige Vertreter in den Exekutivrat entsendet, wird das Verhältnis in ihm folgendes sein:
5 CDU/CSU, 5 SPD, der 11. ist der Vertreter Nordrhein-Westfalens. Es wäre mir lieb, wenn Sie mir umgehend mitteilen würden, ob Sie im Hinblick auf etwaige Verständigungsaussichten mit dem Zentrum glauben, der Wahl des Herrn Spiecker schließlich zuzustimmen, oder ob man den ernstesten Versuch machen soll, seine Wahl zu verhindern. Ich für meinen Teil glaube nicht in absehbarer Zeit an eine Verständigung mit dem Zentrum. Es scheint vielmehr so, als ob das Zentrum die Absicht hat, in Hessen, Baden und Württemberg eine Gründung der Zentrumspartei vorzunehmen. Ich habe über diesen letzteren Punkt Herrn von Brentano, Darmstadt, und Herrn Oberbürgermeister Redlhammer, Wiesbaden, geschrieben. Ich befürchte, daß die Verhältnisse unserer Partei in Hessen, Baden und Württemberg ein günstiges Feld für solche Neugründungen sind. Bitte, sprechen Sie hierüber auch mit Herrn Gögler und empfehlen Sie allen Beteiligten größte Wachsamkeit und Geschlossenheit!
Herr Frohne steht zwar der CDU nicht nahe, aber ich möchte annehmen, daß Sie ihn zu der Besprechung der Direktoren eingeladen haben, da ja eine Übereinstimmung im politischen Handeln zwischen den 5 Direktoren mit eine Grundbedingung für den Erfolg sein wird.
Ich möchte Sie auch noch von folgendem unterrichten:
Präsident Schwering, Bielefeld, würde nach Ansicht vieler ein ausgezeichneter Staatssekretär unter Frohne sein4. Er selbst hat mir gegenüber erklärt, daß er gerne bereit sei, ein solches Amt zu übernehmen. Es liege ihm diese fachliche Arbeit mehr als politische Tätigkeit. Herr Storch, Hannover, hatte es übernommen, mit Herrn Frohne im Sinne der Ernennung Schwering's Fühlung zu nehmen. Ich bitte Sie, diese Angelegenheit im Auge zu behalten und mit den zuständigen Herren zu besprechen.
Meine besten Wünsche begleiten Sie bei Ihrer für das Schicksal unserer Partei so überaus verantwortlichen Tätigkeit.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
(Adenauer)
Zu der in diesem Zeitraum geführten Diskussion um die Erweiterung der ›Bizone‹ zur ›Trizone‹ (vor der teilweisen Realisierung im Sommer 1948) vgl. Tilman Pünder, Das bizonale Interregnum, S.264. Vgl. auch die Schreiben an Hans Schlange-Schöningen vom 21.8.1947 und an Konrad Bauch vom 13.9.1947.