Rhöndorfer Ausgabe Online
An Julian I. Piggot
, NottinghamStBKAH 07.02
Vor wenigen Tagen übermittelte mir Herr Professor Dr. Paul Heile, Hamburg, brieflich Ihre Grüße. Er schreibt, daß er diesen von Ihnen erhaltenen Auftrag erst so spät ausführe, weil er seine entsprechenden Notizen verlegt habe.
Ich freue mich sehr, ein Lebenszeichen von Ihnen zu bekommen. Ich habe mich häufig nach Ihnen erkundigt, konnte aber nichts über Sie in Erfahrung bringen. Wie ich aus der Mitteilung des Herrn Heile entnehme, sind Sie jetzt in amtlicher Stellung tätig.
Ich wurde von den Amerikanern wieder in mein Amt als Oberbürgermeister der Stadt Köln eingesetzt, dann aber im Oktober 1945 aus mir unbekannten Gründen von der britischen Militärregierung aus dem Amte wieder entfernt. Seit der Zeit widme ich mich ausschließlich der Tätigkeit für die Christlich-Demokratische Union, deren Vorsitzender für die britische Zone ich bin. Es ist eine sehr schwere, meine ganze Kraft in Anspruch nehmende Tätigkeit. Wir haben aber auch, Gott Dank, schöne Erfolge zu verzeichnen.
Wie mag es Ihnen, Ihrer Frau und Ihren Kindern gehen? Drei Söhne von mir waren im Krieg und in Gefangenschaft, der zweite auch schwer verwundet. Sie sind aber alle jetzt wohlbehalten zurück. Auch meinen anderen Kindern geht es gut.
Ich war in der Nazizeit mehrfach im Lager und im Gefängnis usw. Auch meine Frau ist im September 1944 eine Zeit lang im Gestapo-Gefängnis Brauweiler/ b. Köln. Sie hat sich durch diese Haft ein Leiden zugezogen, das nicht zu heilen ist, eine Blutkrankheit. Sie liegt augenblicklich in Bonn/Rhein im Krankenhaus. Vier Wochen war ihr Zustand sehr gefährlich, jetzt scheint eine langsame Besserung einzutreten. – Mir geht es leidlich.
Ich würde mich sehr freuen, Sie bald einmal wiederzusehen.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Auf Kontakte zu Adenauer in dieser Zeit verweisen Marie-Luise Recker, Adenauer und die englische Besatzungsmacht, S. 111, 113f., 116 und Rudolf Morsey, Adenauer und der Nationalsozialismus, S .477 (Treffen mit Adenauer 1934 in Berlin), 479; vgl. auch den Diskussionsbeitrag von Hans Herwarth von Bittenfeld in: Rudolf Morsey (Hg.), Konrad Adenauer und die Gründung, S. 82.
Angaben zu dem ersten Nachkriegsbrief an Piggott (der am 8.12.1947 in deutscher Sprache antwortete) bei Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 111.
Das hier erwähnte Schreiben Heiles datiert vom 21.10.1947, den Kontakt zu Piggott hatte er anlässlich einer Englandreise im Sommer 1947 anknüpfen können.