Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

19. August 1947 (Rhöndorf)

An Viktor von Leyden

, Bombay

StBKAH 07.02


Lieber Herr von Leyden1

Ihr Brief vom 24. Juli 1947 war mir eine Überraschung und eine große Freude. Es sind so viele alte Erinnerungen wach geworden. Ich freue mich sehr, daß Sie und Ihre Frau die Jahre des Schreckens gut überstanden haben. Meine drei Söhne sind alle wohlbehalten aus dem Kriege zurückgekommen. Meiner Frau und mir [ist] es verhältnismäßig erträglich gegangen. Wir haben allerdings auch schwere Zeiten durchlebt. Meine Frau war im Gefängnis, ich im Konzentrationslager und im Gefängnis. Aber es ging alles einigermaßen. Ich habe mich nach gewissenhafter Überlegung ganz der Politik gewidmet. Ich bin der erste Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Union der britischen Zone, der Partei, die ungefähr gleich stark ist wie die sozialdemokratische Partei. In den 3 Westzonen zusammengenommen, ist sie die stärkste Partei.

Ich kann mir vorstellen, daß Sie Sehnsucht nach Deutschland haben, und ich wünsche, daß es Ihnen gelingen möchte, bald zurückzukommen. Aber Sie müssen sich darüber klar sein, daß das Leben hier sehr schwer ist. Ich kann Ihnen leider nicht mit Flugpost antworten, da uns die Benutzung der Flugpost nicht gestattet ist. So wird es wohl einige Zeit dauern, bis Sie meinen Brief erhalten.

Grüßen Sie Ihre Frau vielmals und seien Sie beide herzlich gegrüßt von meiner Frau und mir
Ihr
(Adenauer)


  1. ^

    Zu den zahlreichen Hinweisen auf Kontakte zu Adenauer vor 1933 vgl. Horst Romeyk, Adenauers Beziehungen – Zur späteren brieflichen Beziehung zu Adenauer (nach Rückkehr nach Deutschland) vgl. das Schreiben vom 11.10.1948.