Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

19. August 1947 (Rhöndorf)

An Landrat Dr. August Dresbach

, Gummersbach

StBKAH 07.13


Lieber Herr Dresbach!

Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 15. d. Mts.1. Auf unsere kommunalpolitische Vereinigung komme ich noch zurück.

Ich kann verstehen, daß Unzufriedenheit in nicht unbeachtlichen Kreisen über den Kurs der CDU in der Sozialisierungsfrage besteht. Ich bitte Sie, davon überzeugt zu sein, daß alles, was mir möglich ist, geschieht, um die bisherige Linie weiterfortzuführen. Nach dem ausgezeichneten Verlauf des Parteitages in Recklinghausen bin ich mehr denn je davon überzeugt, daß dies möglich sein wird. Die Frage der Sozialisierung wird uns ja in Zukunft schon deswegen keine akuten Schmerzen mehr bereiten, da ja die Amerikaner mit ihrer Vertagungsthese durchdringen werden2. Über die Zuziehung des Landtags zu der Verordnung »Mitunterzeichnung durch die Betriebsräte« habe ich einem anderen Herrn folgendes geschrieben3

»Im Wirtschaftsausschuß ist die Bestimmung, daß die Betriebsräte das Recht auf Auskunftserteilung hätten, ausdrücklich gestrichen worden. Erst daraufhin hat der Wirtschaftsausschuß einstimmig seine Zustimmung gegeben. Durch die Streichung des Rechts, Auskunft zu erlangen, ist klargestellt, daß die Betriebsräte ein Recht der Nachprüfung nicht haben, sondern daß sie lediglich eine Erklärung abgeben sollen, die sich auf ihre allgemeinen Wahrnehmungen stützt. Tatsächlich geht ein großer Teil der Fabrikate nicht den richtigen Weg. Im Hinblick auf die öffentliche Meinung, die sehr erregt ist, und im Hinblick darauf, daß der Beschluß im Wirtschaftsausschuß einstimmig beschlossen war, und ferner, um nicht eine erschwerende Spannung für die Beratung des sozialdemokratischen Antrages auf Verstaatlichung der Bergwerke zu schaffen, hat sich die Fraktion fast einstimmig entschlossen, der Vorlage zuzustimmen. Von dem Fraktionsredner im Plenum ist zum Ausdruck gebracht worden, daß gegen die rechtliche Begründung der Vorlage schwerste Bedenken bestünden. Ich glaube daher nicht, daß diese Verordnung eine große Tragweite haben wird.«

Ich glaube, daß man der Angelegenheit zu große Bedeutung beimißt. Alles in allem genommen: wir werden auf dem Posten sein und dafür sorgen, daß die Ahlener Beschlüsse auch innegehalten werden. Allerdings brauchen wir Hilfe aus der Wählerschaft. Der allerdings sehr kleine Teil unserer Wählerschaft, der die Ahlener Beschlüsse umbiegen möchte, ist sehr aktiv, ohne daß auf der anderen Seite eine entsprechende Gegenwirkung sich bemerkbar macht.

Ich erkenne an, daß es nicht opportun ist, wenn Sie zuviel als Redner auftreten, aber Sie handhaben die Feder mindestens so gut wie das Wort. Wie wäre es, wenn Sie über Sie besonders interessierende Fragen einmal eine Broschüre schrieben, die wir dann drucken lassen könnten? Ich bitte Sie, diesen Vorschlag sich reiflich zu überlegen. — Ich hatte immer vor, mit meiner Frau Sie aufzusuchen, möchte aber jetzt warten, bis Herr Baldus zurück ist. Bitte, geben Sie mir dann Nachricht.

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Ihr
(Adenauer) 


  1. ^

    Hierin: Kritik an der Zustimmung der CDU-Landtagsfraktion zu einem von der SPD eingebrachten Antrag »betr. Erlaß einer Verordnung über die Unterzeichnung der Industriemeldungen durch die Betriebsräte« (vgl. Anm. 4 im Schreiben an Robert Lehr vom 18.7.1947). Zum Verlauf der Landtagsdebatte vom 1.8.1947 vgl. Stenographischer Bericht über die 8.-11. Sitzung, S. 68-78.

  2. ^

    Vgl. John Gimbel, Amerikanische Besatzungspolitik, S. 159-163.

  3. ^

    Dieses Schreiben konnte nicht nachgewiesen werden.