Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

21. August 1947 (Rhöndorf)

An Dr. Hans Schlange-Schöningen

, Stuttgart

StBKAH 08.61, mit ms. Vermerk »Persönlich! Vertraulich!«


Sehr geehrter Herr Schlange!

Ihren Brief vom 18. d.Mts. habe ich erhalten und darauf wie folgt depeschiert:

»Brief erhalten. Stop. Bin mit allem einverstanden. Holzapfel ist im Bilde! Übernehmt die Führung. Stop. Kann selbst nicht kommen. Stop. Beansprucht von Frankfurt aus Recht der Bodenreform. Sonst schädliche Verschiedenheiten in Ländern britische Zone zu erwarten. Gruß…«1

In Ergänzung dieses Telegramms erlauben Sie mir, noch folgendes zu sagen:

Ich werde nach besten Kräften bemüht sein, die Hand im Spiele zu behalten. Ich werde mich auch, sobald es sich um politische Fragen von einiger Bedeutung handelt, einschalten. Ich werde aber doch im übrigen Herrn Dr. Holzapfel nicht zu sehr beengen dürfen. Informationen, die Sie mir persönlich geben, werde ich immer durchaus vertraulich behandeln! Die Abmachungen der Anglo-Amerikaner über den Wirtschaftsrat sind ja so vieldeutig, daß sie sowohl der Exekutivrat für seine Behauptung, er sei für die Arbeit der Direktoren verantwortlich, wie der Wirtschaftsrat für die m. E. zutreffende Art, daß der Wirtschaftsrat verantwortlich sei, in Anspruch nehmen kann. Auch, nachdem was ich gehört habe, beabsichtigt der Exekutivrat, sich sehr stark auszudehnen. Ich stimme also völlig mit Ihnen darin überein, daß versucht werden muß, die Stellung des Exekutivrats möglichst einzuengen.

Zu den einzelnen Direktoren ist folgendes zu sagen:

1) Herr Dr. Semler ist politisch erfahren und interessiert, soviel ich das wenigstens beurteilen kann. Er wird von vielen Leuten sehr gerühmt, daß ich ihn auf Grund der mir gewordenen Ermittlungen in der Fraktion vorgeschlagen habe als Direktor des Amtes für Wirtschaft. Mein Eindruck ist gut, mehr kann ich z. Zt. noch nicht sagen. Sehr wichtig wird ja sein, daß er geeignete Leute aus unseren wirtschaftlichen Kreisen zu seiner Beratung heranzieht.

2) Herr Frohne ist mir unbekannt. Er hat aber, wie man annehmen kann, immerhin einige politische Erfahrung.

3) Gegen die Wahl des Herrn Hartmann bestanden lebhafte Bedenken. Man hielt ihn für nicht überragend. Ich habe ihn am Tage seiner Wahl in Frankfurt (Main) zum ersten Male gesehen. Ich kann kein Urteil über ihn abgeben. Der Eindruck war aber nicht hervorragend.

4) Herr Schubert[h] genießt als Fachmann guten Ruf. Ich kenne ihn nicht.

Was unsere Fraktion angeht, so muß sie natürlich erst noch geschult werden. Sie enthält mehrere tüchtige, auch politisch interessierte Leute, darunter nenne ich außer Herrn Dr. Holzapfel besonders Herrn Blank, Bochum, Storch, Hannover, sowie den Herrn aus Schleswig-Holstein, natürlich ebenfalls Herrn Hermes. Das scheinen mir außer Herrn Holzapfel die politisch am besten geschulten Leute zu sein. Blank und Storch sind mit die aufgeschlossensten Gewerkschaftler, die ich kenne. Ich empfehle Ihnen insbesondere auch Herrn Blank, der vielleicht infolge seiner Jugend zunächst etwas temperamentvoll sich gibt, der aber einer vernünftigen Aussprache immer zugänglich ist.

Ein sehr gefährlicher Mann ist Herr [Erich] Köhler, Hessen. Er ist politisch farblos, sehr ehrgeizig, sucht seine Stellung als Präsident des Wirtschaftsrats zu einer übertriebenen Ausweitung seiner Position in der Fraktion zu benutzen. Er betet die Sozialdemokraten an und ist ein Fanatiker der Verständigung mit ihnen. Man wird sehr auf ihn aufpassen müssen2! Was die Vertreter unserer Partei im Exekutivrat angeht, so bin ich der Ansicht, daß das Ausscheiden des Herrn [Heinrich] Köhler3 kein Verlust ist. Herrn Dr. Seelos gegenüber ist denkbar größte Vorsicht geboten4. Ich halte Ihn für einen Blender und für einen sehr schwachen Charakter. Für Baden-Württemberg ist Staatssekretär Gögler neu in den Exekutivrat genommen worden. Gögler ist ein kluger und anständiger Mann. Inwieweit er wirtschaftliche Fragen beherrscht, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls empfiehlt es sich, die Beziehungen mit ihm zu pflegen. Wen Nordrhein-Westfalen in den Exekutivrat entsenden wird, ist noch nicht zu übersehen. Sie wissen, daß im Kabinett die CDU keine Mehrheit hat; die SPD hat Herrn Dr. Spiecker den Posten angetragen. SPD, KPD und Zentrum haben zusammen die Mehrheit im Kabinett. Herr Spiecker ist Ihnen bekannt. Er ist gerne das »Zünglein an der Waage«, das bald einmal zur SPD sich neigt, bald zur CDU, in der Regel aber mehr zur SPD als zur CDU. Immerhin halte ich dafür, daß es nicht tragisch ist, wenn er in den Exekutivrat entsendet werden würde.

Man kann wohl mit größter Wahrscheinlichkeit damit rechnen, daß schon in absehbarer Zeit, also vor Ende d. Js., die französische Zone angeschlossen werden wird, daß dann 3 Vertreter der französischen Länder in den Exekutivrat kommen und daß diese 3 Vertreter der CDU angehören. Der Exekutivrat würde dann 11 Mitglieder zählen, davon würden 5 bestimmt Angehörige der SPD sein (Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen), 5 Angehörige der CDU/CSU (Bayern, Baden-Württemberg, die 3 Länder der französ. Zone) und 1 Zentrum, Spiecker (Nordrhein-Westfalen), falls das Kabinett sich für Spiecker entscheidet. Dann würde wiederum das Zentrum ausschlaggebend sein. Halten Sie diese Zusammensetzung [für] so wichtig, daß man mit allen Mitteln versuchen müßte, die Wahl Spiecker's zu verhindern?

Ich hoffe, daß Ihre Umsiedlungsschwierigkeiten nicht zu groß sind und daß Sie recht bald wieder mit Ihrem Amte in voller Arbeit sein können.

Ich darf noch mitteilen, daß nach meinen Erkundigungen Ihr Buch5 seinerzeit nicht hier oder auf dem Parteisekretariat eingegangen ist. Sie wollten mir ein anderes Exemplar schicken. Ich habe aber auch das bisher nicht erhalten.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
(Adenauer)

P. S.: Ich übersende diesen Brief durch Herrn Dr. Karl Müller, Bad Godesberg, der am 25.8.47 nach Frankfurt (Main) fährt und Sie dann wohl dort treffen wird.

D.U.


  1. ^

    Telegramm vom 20.8.1947. Das vorausgegangene Schreiben Schlange-Schöningens enthält grundsätzliche Forderungen zur zukünftigen Frankfurter Arbeit: a) die »Gerechtsame« des Exekutivrats müssten völlig klargestellt werden, etwa im Sinne »einer Verbindungsstelle mit den Ländern«; b) »... entscheidende Notwendigkeit, daß die Direktoren auf das schnellste zu einer Gesamtkonzeption der deutschen Politik kommen«; vgl. das Kapitel ›Die Gründung des Frankfurter Wirtschaftsrates und die Weiterentwicklung der bizonalen Ernährungsverwaltung‹ bei Hans Schlange-Schöningen (Hg.), Im Schatten des Hungers, S. 152-162. Zum nachfolgenden, unter Verwendung dieses Adenauer-Briefes, mehrere Angaben bei Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 112-114. Vgl. auch Udo Wengst, Staatsaufbau und Regierungspraxis, S. 89.

  2. ^

    Zu dieser Aussage über Erich Köhler vgl. Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S.113. Morsey verweist zugleich auf spätere Konflikte zwischen beiden Unionspolitikern, zu denen unter anderem die sich 1948 vorübergehend abzeichnende Entwicklung Anlass gab, »daß ... Köhler .... , dezidierter Verfechter einer Koalition mit der SPD, als Chef einer Regierung in Westdeutschland nominiert werden würde«; vgl. das Schreiben an Friedrich Holzapfel vom 27.4.1948.

  3. ^

    Zum Ausscheiden Heinrich Köhlers vgl. das Schreiben an Friedrich Holzapfel vom 21.8.1947.

  4. ^

    Seine Bedenken gegen Seelos hatte Adenauer zuvor bereits in einem öffentlich bekanntgewordenen Schreiben an Hans Ehard zum Ausdruck gebracht. Zu diesem Schreiben und zur Antwort Ehards (beide in StBKAH nicht erhalten!) vgl. ›Der Spiegel‹ Nr. 33 (1947), S. 1 und Peter Jakob Kock, Bayerns Weg in die Bundesrepublik, S. 252.

  5. ^

    Hans Schlange-Schöningen, Am Tage danach, Hamburg 1946.