Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

21. März 1947 (Rhöndorf)

An Franz Graf von Galen

, Haus Merfeld bei Dülmen/Westfalen

StBKAH 07.14


Sehr verehrter Herr Graf!

Ich danke Ihnen für Ihren ausführlichen Brief vom 14.d. Mts.1

Zu 1):

Die Verhandlungen mit dem Zentrum sind leider gescheitert2. Wir waren bei der Besprechung in Münster dahin übereingekommen, daß das Zentrum in den Wahlkreisen keinen Kandidaten aufstellen solle, in denen es durch die Aufstellung die Wahl des CDU-Kandidaten gefährden und die Wahl eines Kandidaten der marxistischen Partei ermögliche. Es sollten von jeder Seite 3 »Wahlkreismathematiker« benannt werden, die gemeinsam die Wahlkreise unter den oben erwähnten Gesichtspunkten nachprüfen sollten.

Der Vorstand unserer Partei hat das Abkommen genehmigt. Ich habe Herrn Brockmann 3 Herren benannt. Das Zentrum hat niemand benannt und ist einer weiteren Erörterung zunächst ausgewichen. Durch Vermittlung des Domkapitulars Böhler in Köln sollte gestern, am 20.3.47, in Recklinghausen eine weitere Besprechung zwischen den Vertretern der Zentrumspartei und der CDU stattfinden. Herr Prälat Böhler, ich und Dr. Schreiber aus Köln waren rechtzeitig in Recklinghausen. Herr Brockmann schickte nach einiger Zeit seinen Landesgeschäftsführer mit einem Schreiben an mich, in dem er mir mitteilte, er könne nicht kommen, die Verhandlungen seien durch eine Äußerung von Fräulein Sevenich torpediert. Er sprach mit keinem Wort davon, daß nochmals ein Versuch gemacht werden solle. Somit sind leider die Versuche, denen ich viel Zeit geopfert habe, durch die Schuld des Zentrums gescheitert. Wir haben seinerzeit auch in Münster vereinbart, daß der Wahlkampf keine persönlichen Angriffe bringen solle. Auch dieses Abkommen hat Herr Brockmann nunmehr dahin eingeengt, daß man wohl die politische Vergangenheit der Kandidaten beleuchten müsse. Es kommt hinzu, daß in Westfalen Flugblätter von Zentrumsleuten verbreitet werden, die schwere Verdächtigungen und Unwahrheiten gegenüber der CDU enthalten3. Der lachende Dritte ist die Sozialdemokratie. Ganz offensichtlich verfolgt die Zentrumspartei das Ziel, [im] neuen Landtag eine Mehrheit, bestehend aus KPD, SPD und Zentrum, zusammenzubringen. Schon bei den Verhandlungen im Landtag über die Neugestaltung der Wirtschaft hat das Zentrum in den wichtigsten Fragen gegen die CDU und mit der SPD gestimmt.

Sehr prominente Mitglieder der Zentrumspartei haben, wie ich zuverlässig weiß, erklärt, daß sie enge Fühlung mit der SPD halten wollten, daß sie mit irgendwelchen kirchlichen Autoritäten nichts zu schaffen haben wollen. Es ist ganz klar, wohin die eigentliche Leitung der Zentrumspartei steuert: sie will zum rechten Flügel der SPD. Es ist ein Jammer, daß sich manche brave, frühere Zentrumswähler, insbesondere Geistliche, derartig täuschen lassen.

Übrigens wird, wie mir scheint mit Recht, vermutet, daß Herr Dr. Amelunxen diesen Kurs der Zentrumspartei wesentlich beeinflußt4.

Zu 2):

Auch ich erhalte aus dem Oldenburger Münsterland schlechte Nachrichten. Ich werde am nächsten Sonntag dort sein und versuchen festzustellen, was eigentlich vorliegt5.

Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie in Vechta und anderen Orten, vielleicht brieflich, für unsere Sache werben könnten.

Ich bin mit vorzüglicher Hochachtung und freundlichen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Hierin die Bitte, »im Rahmen des Möglichen nichts unversucht zu lassen, um zu einer Einigung mit dem Zentrum zu kommen.« Das »Katholische Volk des Münsterlandes und besonders auch die katholischen Arbeiter« seien »geradezu empört über den Bruderkampf Zentrum-CDU«.

  2. ^

    Vgl. das Schreiben an Wilhelm Böhler vom 7.3.1947.

  3. ^

    Wahlaufruf des Zentrumskandidaten im Kreis Coesfeld, Friedrich Krabbe (1915-1981; Dr. med., 1947-1958 MdL in Nordrhein-Westfalen) mit mehreren besonders heftigen Angriffen gegen die CDU (»…hat Freimaurer in der Führung! … verbündet sich mit Liberalismus! … will neue eigene Kirche! … verrät die katholische Schule in Hessen! … gegen die Bauern!«).

  4. ^

    Der zuvor parteilose Ministerpräsident Amelunxen war Anfang 1947 dem Zentrum beigetreten; hierzu eine Meldung in: ›Der Spiegel‹ Nr. 10 (1947), S. 4 und die Angaben im Schreiben an Rudolf Amelunxen vom 27.4.1947.

  5. ^

    Für diesen Sonntag, den 30.3.1947, konnte lediglich ein Wahlkampftermin in Bielefeld nachgewiesen werden; schriftliche Mitteilungen aus diesem Raum, etwa von Hermann Siemer, sind für diesen Zeitraum nicht erhalten.