Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

21. Oktober 1946 (Rhöndorf)

An Staatssekretär a.D. Dr. Aloys Lammers

, Düsseldorf

StBKAH 08.30, Durchschlag mit Begleitschreiben an Pater Dr. Hubert Becher, Bad Godesberg; Teildruck: Konrad Adenauer. Seine Zeit – sein Werk, S. 150.


Sehr geehrter Herr Lammers!

Ich erhielt Ihre Briefe vom 11. und 14. d.Mts.1. Wir müssen versuchen, die näheren Umstände, die zu dieser Stellungnahme der Briten gegen Sie geführt haben, aufzuklären. Ich meinerseits möchte alles tun, um alle Hindernisse für Ihre Arbeit zu beseitigen. Ich bitte Sie, soweit es Ihnen möglich ist, festzustellen, ob Herr Amelunxen sich ernsthaft bemüht hat, um die Engländer umzustimmen. Herr Amelunxen hat mir, als ich zuerst Ihren Namen nannte, bei der Kabinettsbildung sofort erklärt, er könne mit Ihnen nicht zusammenarbeiten, da Sie 3 Monate unter von Papen gearbeitet hätten2.

Es ist zu einem ernstlichen Konflikt gekommen zwischen Herrn Schnippenkötter und Fräulein Bardenhewer3. Ich schicke voraus, daß ich nicht damit einverstanden gewesen bin, daß Herr Schnippenkötter überhaupt seine jetzige Stellung angenommen hat. Er hätte sich vorher mit den politischen Stellen und der Partei in Verbindung setzen müssen, ehe er sich zu einem solchen Schritt entschloß.

Herr Schnippenkötter kam nun vor einigen Tagen zu mir und sagte mir, daß Fräulein Bardenhewer von der Generallinie der bisherigen westlichen Schulreform abweiche und zu sozialdemokratischen Absichten hinneige. Er erklärte mir, Fräulein B. habe ihm gesagt, es müsse dahin kommen, daß jeder Katholik Sozialdemokrat sein könne. Ich habe den Arbeitsausschuß unseres Landesvorstandes mit der Angelegenheit befaßt. Dieser hat einen kleinen Ausschuß jetzt eingesetzt, vor dem Herr Schnippenkötter und Fräulein Bardenhewer erscheinen sollen. Ich füge Ihnen mit der Bitte um Rückgabe bei:

1) Abschrift eines Briefes von Fräulein Bardenhewer an Fräulein Teusch, ferner

2) Ausführungen, die Fräulein Bardenhewer mir hat zugehen lassen. Seien Sie bitte so liebenswürdig und teilen Sie mir Ihre Ansicht mit, ob die Behauptung des Herrn Schnippenkötter, daß Fräulein Bardenhewer jetzt von der westlichen Schulreform abweiche, richtig ist oder nicht. Mir scheint aus den eigenen Ausführungen von Fräulein B. hervorzugehen, daß Herr Schnippenkötter Recht hat:

1) will sie doch wiederum eine neue Reform, d.h. also ein Abgehen von den bisherigen Schnippenkötter'schen Plänen bezw. den Plänen in der Fassung, wie sie aus dem Kulturausschuß der CDU für die britische Zone hervorgegangen sind.

2) Fräulein Bardenhewer will, wie sie meint, im Interesse der nationalen Einheit, unseren westdeutschen Schulplan den Grimme'schen Schulplänen angleichen. Ich halte das prinzipiell für falsch.
Meines Erachtens sind wir im Westen kulturell auf dem richtigen Wege und nicht Herr Grimme4. Es liegt daher nicht im allgemeinen deutschen Interesse, wenn wir uns durch Herrn Grimme vom richtigen Wege abdrängen lassen. Wir müssen den Westen kulturell gesund machen, um von hier aus dann im Interesse der deutschen Einheit auch die übrigen deutschen Länder in unserer Richtung zu beeinflussen. Wenn wir uns aber jetzt in diesem Stadium der kulturellen Verwüstung von den falschen Grimme'schen Ansichten beeinflussen lassen, so setzen wir uns damit der Gefahr aus, daß unsere Anschauungen selbst bei uns im Westen allmählich unterliegen. Das dürfen wir unter keinen Umständen tun.

Ob Sie mit Herrn Schnippenkötter Rücksprache nehmen wollen, werden Sie sich ja wohl freundlichst überlegen. Ich glaube, Ihnen nicht empfehlen zu sollen, mit Fräulein Bardenhewer zu sprechen. Sie wird sicher die Tatsache eines solchen Gesprächs nicht für sich behalten, und Sie setzen sich damit der Gefahr aus, daß man Ihnen vorwirft, Sie mischten sich noch in die Geschäfte des Kultusministeriums ein.

Sobald ich nach Düsseldorf komme, werde ich versuchen, mich mit Ihnen auszusprechen. Sind Sie irgendwie telefonisch erreichbar?

Mit vielen Grüßen
Ihr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Lammers hatte unter dem 14.10.1946 von einem Gespräch mit Rudolf Amelunxen berichtet, in dem dieser mitgeteilt habe, »daß es ihm nicht gelungen sei, mein weiteres Verbleiben im Amte bei der englischen Militärregierung zu erreichen.« Zur Auseinandersetzung um Lammers' politische Rehabilitierung ist weitere umfangreiche Korrespondenz aus den Monaten September-Dezember 1946 erhalten, die teilweise bereits von Peter Hüttenberger ausgewertet wurde (Nordrhein-Westfalen, S. 238 f.).

  2. ^

    Vgl. die Aktennotiz über Gespräche zur Regierungsbildung durch Rudolf Amelunxen vom 19.8.1946 sowie die Ausführungen Adenauers vor dem CDU-Zonenausschuss in Vechta (26.-28.9.1946; Druck: Helmuth Pütz [Bearb.1, Konrad Adenauer, S. 194f.); vgl. auch die Schreiben an William Asbury vom 5.12.1946 und an Aloys Lammers vom 7.12.1946.

  3. ^

    Angaben zu Luise Bardenhewer (1886-1980), Referentin für höhere Schulen, später Abteilungsleiterin im nordrhein-westfälischen Kultusministerium, bei Maria Halbritter, Schulreformpolitik, S. 71, 221, 276; vgl. auch Arthur Hearnden, Education in the British Zone, in: ders. (Hg.), The British in Germany, S. 18.

  4. ^

    Zum nachfolgenden, unter Verwendung dieses Briefes, Rudolf Morsey, Der politische Aufstieg, S. 57.