Rhöndorfer Ausgabe Online
An Dr. Hans Schlange-Schöningen
, HamburgStBKAH 08.18
Sehr verehrter Herr Schlange!
Erst jetzt komme ich auf Ihren Brief vom 3. d. Mts. zurück1, weil ich in der Zwischenzeit durch Teilnahme an den verschiedensten Tagungen abwesend war.
Herr Dr. Holzapfel hat nochmals nachdrücklichst abgelehnt, einen Ministerposten zu übernehmen. Herr Professor Beckmann ist, wie Sie wissen, krank. Nach einem zwischen der rheinischen und der westfälischen Partei getroffenen Abkommen soll der Posten von einem von den Westfalen vorzuschlagenden Herrn besetzt werden. Die Westfalen haben nunmehr nach langem Hin und Her einmütig Herrn Lübke vorgeschlagen. Wir haben Herrn Lübke dem Ministerpräsidenten Amelunxen nominiert2. Die Entscheidung liegt beim Engländer. Von Herrn Lübke hörte ich, daß Herr Dietrich ihm in Aussicht gestellt habe, die Leitung des gesamten ländlichen Siedlungswesens für die britisch-amerikanische Zone zu übertragen.
Ich weiß, daß gewisse Unstimmigkeiten zwischen Lübke und Ihnen seinerzeit gewesen sind. Ich glaube aber, daß sie nicht auf Herrn Lübke irgendwie noch einwirken werden.
Was den Zusammenhang in der Partei angeht, so besteht unbedingt die Gefahr, von der Sie sprechen. Ich habe gestern noch bei einer Fraktionssitzung der CDU des Landtags Nordrhein-Westfalen einen fast wütenden Protest der Westfalen, daß sie zu wenig berücksichtigt würden, mitanhören müssen. Man kann nur hoffen, daß es geduldiger Arbeit gelingt, nach und nach ein größeres Gemeinschaftsgefühl zu erwecken. Sehr erfreulich ist, daß der Zonenausschuß immer vollste Einigkeit zeigt und daß in ihm ein wirklich vertrauensvolles Zusammenarbeiten stattfindet. Sorge macht mir die Tätigkeit der Berliner CDU. Sie macht mir Sorge nicht nur wegen ihrer sachlichen Haltung, sondern besonders, weil neuerdings Herr Kaiser durch einen Herrn Dr. Klöcker, der früher für die Landtagsfraktion der Zentrumspartei tätig und mit Herrn Spiecker befreundet war, mit diesem ohne mein Vorwissen Verhandlungen führen läßt wegen einer Verschmelzung der CDU und der Zentrumspartei zu einer neuen Partei, genannt: »Union der Mitte«. Ich habe diese Angelegenheit im Zonenausschuß zur Sprache gebracht, und er hat einstimmig einen Beschluß gefaßt, der die Unzulässigkeit derartiger Eingriffe ausspricht3.
Was die Frage der von den Engländern geplanten Sozialisierung angeht, so glaube ich nicht, daß sie zu größeren Schwierigkeiten innerhalb der CDU der britischen Zone führen wird. Ich glaube, daß wir in dieser Frage zu einer einheitlichen Stellungnahme, die sich keineswegs mit den britischen Plänen decken wird, kommen werden.
Sie werden ja neuerdings von den Kommunisten überall sehr scharf angegriffen4. Ich habe Sie schon unlängst im Zonenbeirat gebeten, doch an die Öffentlichkeit – natürlich auch an die Partei – in stärkerer Weise als bisher mit sachlichem Material heranzutreten, damit wir für Sie eintreten können. Ich meine, Sie haben bisher zu sehr geschwiegen. Ihre Ausführungen in der letzten Sitzung des Zonenbeirats waren, wie ich Ihnen schon sagen durfte, ausgezeichnet. Ich habe gerade auf Grund Ihrer letzten Ausführungen im Zonenbeirat mehrfach für Sie eintreten können und das mit Vergnügen getan. In einer Sitzung des Landtags von Nordrhein-Westfalen hat der kommunistische Abgeordnete Wascher, Düsseldorf, Auszüge aus einer angeblich von Ihnen im Jahre 1933 gehaltenen Rede vorgelesen, die offenbar unwahr waren. Ich habe ihn sofort gestellt und ihn ersucht, mir anzugeben, wann und wo Sie diese Rede gehalten hätten. Er hat erklärt, er werde mir diese Angaben machen. Ich empfehle Ihnen aber auch, an den Präsidenten des Landtags – wir haben Herrn Lehr dazu gewählt – zu schreiben und ihn zu bitten, Ihnen unverzüglich den stenografischen Wortlaut dieser Äußerung Waschers zukommen zu lassen. Ich würde dann an Ihrer Stelle evtl. gegen Wascher strafrechtlich vorgehen. Es ist das einzige Mittel, diesen bewußten Ehrabschneidern das Handwerk zu legen. Frau Sevenich geht jetzt auch diesen Weg.
Ich darf also sagen: Geben Sie mir Material über folgende Fragen:
1) über Ihre Tätigkeit in der Bodenreform,
2) über die Ablieferungsquoten der Landwirtschaft,
3) über die in der Natur der Dinge liegenden Schwierigkeiten umzudisponieren, wenn irgendwie örtliche Schwierigkeiten auftreten.
Ich werde dann dafür Sorge tragen, daß durch unser Informationsblatt das Material weiten Kreisen der Partei zugängig wird. Ich kann auch veranlassen, daß einige Zeitungen von uns entsprechende Artikel bringen.
Inzwischen habe ich von Herrn Dr. Müller gehört, daß Sie nach Stuttgart übersiedeln werden. Es ist sehr schade, wenn wir uns dann seltener sprechen würden.
Ihrer verehrten Gattin und Ihnen wünschen meine Frau und ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und alles Gute für 1947.
Mit vielen Grüßen
Ihr
(Adenauer)
Schlange-Schöningen hatte auf parteiinterne Vorgänge in Norddeutschland aufmerksam gemacht (Gefahr des Auseinanderfallens in Landesorganisationen, Notwendigkeit der »engeren Verschmelzung« mit der Niedersächsischen Landespartei). Der zweite Teil seines Schreibens galt kommunistischen Angriffen gegen seine Person, s. u.
Dem am 5.12.1946 vorgestellten zweiten Kabinett Amelunxen gehörten für die CDU an: Karl Arnold (stellvertretender Ministerpräsident), Fritz Beckmann (Landwirtschaft), Josef Gockeln (Soziales), Heinrich Konen (Kultur) und Artur Sträter (Justiz). – Beckmann schied bereits kurze Zeit später wieder aus und wurde durch Heinrich Lübke ersetzt; zu diesem Vorgang vgl. Peter Hüttenberger, Nordrhein-Westfalen, S. 240. Hüttenberger verweist in diesem Zusammenhang ausführlich auf das hier abgedruckte Schreiben, nennt jedoch Lammers als Adressaten. –
Adenauer erhielt die Information aus einem Schreiben von Margaretha Gröwel vom 16.7.1946, dem ein Ausschnitt aus einer Hamburger KPD-Zeitung mit Angriffen gegen Hans Schlange-Schöningen beilag.