Rhöndorfer Ausgabe Online
An den österreichischen Gesandten Clemens Wildner
, AnkaraStBKAH 07.03
Sehr verehrter, lieber Herr Wildner1!
Über Ihren Brief vom 26. Mai 19472,der vor kurzem hier eintraf, habe ich mich herzlich gefreut. Ich habe manchmal gedacht, wie es Ihnen wohl gehen möge. Es scheint mir, daß Sie durch Ihre jetzige Stellung, die doch sehr bedeutungsvoll ist, eine gewisse Entschädigung für die Schwere der Vergangenheit erhalten.
Auch wir haben gerade im letzten halben Jahre unter der nationalsozialistischen Herrschaft sehr Schweres durchgemacht. Ich war 2 Wochen in einem Konzentrationslager und 2 1/2 Monate in einem Gestapo-Gefängnis wurde dann entlassen. Ich verdanke aber schließlich nur dem Umstande, daß die Amerikaner überraschend über den Rhein hier in nächster Nähe kamen, daß ich noch am Leben bin. Meine Frau war ebenfalls 10 Tage im Gefängnis und hat sich bisher davon noch nicht erholt. Es haben dann schwere Kämpfe hier stattgefunden, bei denen auch unser Haus in Mitleidenschaft gezogen worden ist.
Meine Söhne sind alle aus dem Krieg zurückgekommen. Es geht uns im allgemeinen den Verhältnissen entsprechend. Die Zeiten sind sehr schwer. Ich sehe auch nur von weitem, vielleicht in Verbindung mit dem Marshall-Plan3, Anzeichen einer Besserung.
Meine Frau läßt Sie vielmals grüßen. Bitte, grüßen Sie Ihre Frau und seien Sie selbst herzlichst gegrüßt.
In alter Verbundenheit
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Zahlreiche Hinweise auf die dienstlichen und persönlichen Beziehungen zu Adenauer nach 1925 enthalten Wildners Lebenserinnerungen (Von Wien nach Wien. Erinnerungen eines Diplomaten, Wien-München 1961).
Diesem Schreiben beiliegend: ein in der türkischen Tageszeitung ›Istanbul‹ veröffentlichter Artikel des französischen Journalisten Jean Heer ›Konrad Adenauer, chef des démocrates-chrétiens Allemands est partisan d’un contrôle international du Reich par les Nation-Unies‹.
Amerikanisches Wiederaufbauprogramm für Europa nach dem Krieg, benannt nach George C. Marshall (1880-1959; amerikanischer Generalstabschef [1939-1945] und Außenminister [1947-1949]). Druck der zugrundeliegenden Rede Marshalls vom 5.6.1947: FRUS 1947, Diplomatic Papers, Vol. III, S. 237-239, EA Jg. 2 (1947), S. 821; vgl. Manfred Knapp, Deutschland und der Marshallplan: Zum Verhältnis zwischen politischer und ökonomischer Stabilisierung in der amerikanischen Deutschlandpolitik nach 1945, in: Claus Scharf/Hans-Jürgen Schröder (Hg.), Politische und ökonomische Stabilisierung, S. 19-43 sowie Werner Link, Der Marshall-Plan und Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 50 (1980), S. 3-18. – Zur Beurteilung durch Adenauer vgl. dessen Erinnerungen (1945-1953, S. 114-120).