Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

24. April 1948 (Rhöndorf)

An Rechtsanwalt Dr. Adolf Flecken

, Neuss

StBKAH 07.18


Sehr geehrter Flecken!

Dankend bestätige ich den Empfang Ihres Schreibens vom 20. d. Mts.1 – Ich bin sehr gespannt, was Sie bei der Besprechung erreicht haben.

Was die Verhältnisse in der Fraktion angeht, so muß man nach meiner Meinung mit drei Gruppen unter den Arbeitnehmern rechnen2:

einmal mit den Herren, die sich um Albers und Arnold scharen, auf der anderen Seite Gockeln und seine Freunde, und in der Mitte steht Herr Schrage mit Marx usw. Ich meine, die Richtung der Arbeitnehmer könnte eigentlich mit Hohensyburg sehr zufrieden sein, denn Herr Schrage, ein früherer christlicher Gewerkschaftler, ist an entscheidender Stelle im Präsidium der Fraktion und, was noch bedeutungsvoller ist, er hat den Vorsitz im Arbeitsausschuß bekommen. Ich habe mich ja gewundert, daß die übrigen Richtungen sich damit einverstanden erklärt haben. Ich kann das nur darauf zurückführen, daß man zu Herrn Schrage als Person großes Vertrauen hat.

Im Kabinett muß man unterscheiden zwischen Arnold, Heinemann, Lübke auf der einen, Herrn Weitz auf der anderen Seite und Fräulein Teusch in der Mitte zwischen diesen. Ich habe mir die denkbar größte Mühe gegeben, mit Herrn Arnold auf einen vertrauensvollen Fuß zu kommen. Ich habe die Hoffnung wirklich aufgegeben und werde nichts mehr unternehmen. Ich möchte aber darüber mit Ihnen bei Gelegenheit der Landtags-Session sprechen. Was Herrn Heinemann angeht, so werden Sie von Herrn Weitz über alles unterrichtet worden sein. Er müßte m. E. sobald wie möglich durch einen anderen Herrn ersetzt werden. Er kann nicht gleichzeitig Minister, Oberbürgermeister, Direktor einer Bergwerksgesellschaft und Mitglied des Bruderrats der Bekennenden Kirche3 sein. Kein Mensch kann diese Aufgaben gleichzeitig wirklich erfüllen. Er wird aber von Herrn Arnold immer wieder nach seiner eigenen Erklärung gebeten, zu bleiben, weil Herr Arnold fürchtet, daß die Fraktion sich für Sträter ausspricht, und Sträter, der übrigens wiederhergestellt ist, der SPD nicht paßt. Auf der Sitzung in Hohensyburg benahmen sich Arnold und Heinemann mir gegenüber betont zurückhaltend, wenn nicht direkt unfreundlich.

Ich teile Ihre Sorge. Ich nehme an, daß wir ausgiebig darüber sprechen können in der nächsten Woche. Lassen Sie mich Ihnen aber nochmals sagen, wie sehr ich es begrüße, daß Sie, der Sie schon so in Anspruch genommen sind, diesen Dingen so viel Zeit widmen. Ich hoffe, daß es mit der Zeit doch so werden wird, daß Sie etwas entlastet werden können.

Mit vielen Grüßen
Ihr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Flecken hatte im Anschluss an ein Adenauer-Schreiben vom 18.4.1948 zur Frage der Bodenreform (vgl. das Schreiben an Heinrich Lübke vom 19.4.1948) ein diesbezügliches Gespräch eines von ihm gebildeten Expertenkreises mit Heinrich Lübke am 22.4.1948 in Neuss angekündigt.

  2. ^

    Zum nachfolgenden, unter Verwendung dieses Briefes, Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 108 f. – Eine ähnliche Zuordnung nahm Adenauer am 17.5.1948 in einem an Heinrich Scheppmann gerichteten Schreiben vor: » … habe den Eindruck, als wenn die Herren Albers und Strunk sich in allen Angelegenheiten der Arbeitnehmer … als die allein berechtigten und maßgebenden Vertreter … aufspielen«; andere Arbeitnehmervertreter (unter anderem Gockeln, Blank und Storch) kämen nicht adäquat zu Wort (StBKAH 07.24).

  3. ^

    Mit der zuletzt genannten Funktion gemeint: Heinemanns Mitgliedschaft im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. – Dem Bruderrat der Bekennenden Kirche der Rheinprovinz hatte Heinemann zwischen 1933 und 1945 angehört; vgl. Diether Koch, Heinemann und die Deutschlandfrage, München 1972, S. 49.

  4. ^

    Zum 29.5.1948 trat Heinemann vom Posten des Justizministers zurück (»um sich wieder ausschließlich seinem Amt als Oberbürgermeister der Stadt Essen widmen zu können«, so Karl Arnold am 2.6.1948 vor dem nordrhein-westfälischen Landtag; vgl. Stenographischer Bericht über die 45.-48. Sitzung, S. 491), Nachfolger wurde Artur Sträter; vgl. das Schreiben an Karl Arnold vom 12.6.1948 und Anm. 1 im Schreiben an Den Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen vom 9.8.1948.