Rhöndorfer Ausgabe Online
An Stadtdechant Robert Grosche
, KölnStBKAH 07.14
Sehr geehrter Herr Grosche!
Ihren Brief und die Anlagen betreffend philosophische Professur in Köln habe ich erhalte1. Zu dieser Ihrer Niederschrift erlaube ich mir, folgendes zu bemerken:
1) Im Sommer 1945, als ich Oberbürgermeister von Köln wieder geworden war, habe ich sofort Herrn Kroll erklärt, daß wir Herrn Guardini oder Herrn Dempf gewinnen müßten. Ich habe mich mit Herrn Guardini in Verbindung gesetzt2 und gehört, daß er nicht kommen wolle. Herrn Dempf habe ich nach Köln gebeten, mit ihm längere Zeit verhandelt. Er war schwankend und wollte erst mit seiner Familie Rücksprache nehmen. Er hat sich dann dafür entschieden, in Wien zu bleiben, und hat mir das mitgeteilt.
2) Herr Scheler ist durch mich als katholischer Philosoph berufen worden. Er hat auch mir gegenüber erklärt, daß er sich als solcher betrachte. Gleichzeitig mit ihm wurde ein Vertreter der liberalen und ein Vertreter der sozialistischen Weltanschauung berufen. Die Professur Schelers war bewußt, gewollt und erklärt eine Professur der katholischen Weltanschauung. Die drei Lehrstühle, einer der katholischen Weltanschauung, einer der liberalen Weltanschauung, einer der sozialistischen Weltanschauung, wurden gemeinsam beschlossen und geschaffen. Als Vertreter der liberalen Weltanschauung wurde meiner Erinnerung nach Herr Professor von Wiese berufen. Die drei Lehrstühle, die zunächst von der Handelshochschule errichtet waren, wurden bei der Umwandlung der Handelshochschule in die Universität Köln Lehrstühle der Universität Köln. Herr Driesch hat mit dieser ganzen Angelegenheit nichts zu tun.
Als dann Herr Scheler im Laufe der Zeit von seinen katholischen Weltanschauungen abwich, als er nicht mehr als Vertreter der katholischen Weltanschauung betrachtet werden konnte, und als der Lehrstuhl Driesch frei wurde, wurde Herr Arthur Schneider als Vertreter der katholischen Weltanschauung berufen.
Im Gegensatz zu Ihnen bin ich daher der Auffassung, daß eine Bindung auf die Besetzung einer philosophischen Professur durchaus vorliegt. Ich darf vielleicht noch folgendes hinzufügen, da ich nun mit der Angelegenheit befaßt worden bin:
Wenn es richtig ist, daß Herr Heiss aus der katholischen Kirche ausgetreten ist, so finde ich, daß der Vorschlag niemals hätte erfolgen dürfen. Ich füge noch hinzu, daß nach meinen Erkundigungen Herr Heiss ein ziemlich unbekannter Mann ist, der bisher besondere Leistungen nicht aufzuweisen hat3.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Grosche hatte am 23.3.1947 einen ›Bericht über die Vorgänge betr. die Besetzung einer Professur für Philosophie an der Universität Köln‹ übermittelt (zu dem die seit 1945 anhaltenden Diskussionen um die Nachfolge von Prof. Schneider Anlass gegeben hatten).
Zum Nachfolgenden, auch zu den Berufungsfragen im einzelnen bzw. zur Einflussnahme und zum Interesse Adenauers in der jeweiligen Personalentscheidung vgl. Kurt Düwell, Universität, Schulen und Museen, passim. Eine übersichtliche Gesamtdarstellung der Kölner Universitätsgeschichte gibt Willehad Paul Eckert, Kleine Geschichte der Universität Köln, Köln 1961; vgl. a. Kurt Düwell, Das Schul-und Hochschulwesen der Rheinlande, in: Franz Petri/Georg Droege (Hrsg.), Rheinische Geschichte Bd. 3, S. 513-536.
Hierzu eine Taschenkalender-Eintragung für den 12.6.1946.
Zum weiteren Verlauf der Diskussion vgl. die Schreiben an Josef Kardinal Frings vom 26.3.1947 und an Robert Grosche vom 8.4.1947.