Rhöndorfer Ausgabe Online
An Erzbischof Josef Kardinal Frings
, Köln-BayenthalStBKAH 07.14
Sehr verehrte Eminenz!
Von Herrn Stadtdechant Grosche erhielt ich Abschrift seiner Niederschrift über die Besetzung der Professur in der philosophischen Fakultät, die er, wie ich annehme, Ihnen übersandt hat1. Ich erlaube mir, Ihnen aus meiner Antwort die folgenden Feststellungen mitzuteilen:
‹…›2
Über den Ausgang der Verhandlungen in Recklinghausen3 wird Sie, wie ich annehmen darf, Herr Prälat Böhler unterrichtet haben. Ich finde diesen Ausklang besonders betrüblich. Die Tendenz ist aber völlig klar: es soll unter allen Umständen erreicht werden, daß in dem zukünftigen Landtag eine Mehrheit bestehend aus Zentrum, SPD und KPD sich bilden kann. Eine solche Mehrheit würde mich mit den größten Besorgnissen auch für die Interessen, die Ihnen besonders am Herzen liegen, erfüllen. Es ist ganz klar, daß in einer solchen Mehrheit die marxistischen Parteien die wirklich Ausschlaggebenden sein würden4.
Ich darf in diesem Zusammenhang noch darauf aufmerksam machen, daß nach den Vorschlägen Englands und von USA in Moskau die Kabinette und die Landtage der Länder eine sehr maßgebende Rolle bei der Bildung der ersten Reichsregierung und Reichsverfassungen spielen sollen5. Umso wichtiger ist es, daß der zukünftige Landtag von Nordrhein-Westfalen nicht durch eine marxistische Mehrheit geführt wird. Ich darf Eure Eminenz auf das von dem überwiegend sozialdemokratischen Berliner Magistrat vorgelegte Schulgesetz6 noch besonders aufmerksam machen.
Mit vielen Grüßen bin ich
Eurer Eminenz sehr ergebener
(Adenauer)
Vgl. die Schreiben an Robert Grosche vom 25.3.1947 und vom 8.4.1947. – Das (in StBKAH nicht erhaltene) Anschreiben des Kardinals »in Universitätssachen« war Adenauer »telefonisch von Köln mitgeteilt« worden; hierzu ein Schreiben Adenauers vom 7.3.1947 (»Zum Schluß darf ich noch sagen, daß m. W. nirgendwo in der ganzen britischen Zone auf kulturellem Gebiete eine derartige Verkennung der ganzen Situation herrscht, wie in Köln«).
‹…› Die ausgelassene Briefpassage ist textidentisch mit der Passage aus dem Schreiben an Robert Grosche vom 25.3.1947 (»Im Sommer 1945« bis »durchaus vorliegt«).
Vgl. die Schreiben an Wilhelm Böhler vom 7.3.1947 und an Franz Graf von Galen vom 21.3.1947.
Hierzu und zum nachfolgenden Rudolf Morsey, Adenauer und Kardinal Frings, S. 491f.
Vgl. das Schreiben an William Asbury vom 26.3.1947 und die im Anschluss an die Darlegung der britischen Pläne von Außenminister George C. Marshall in Moskau vorgetragenen amerikanischen Vorstellungen vom weiteren deutschlandpolitischen Prozedere; Druck: EA Jg. 2 (1947), S. 696.
Schulgesetz für Groß-Berlin vom 1.6.1948; Druck: Senat von Berlin (Hg.), Berlin. Quellen und Dokumente 1945-1951, 1. Halbband, S. 546-551; vgl. Marion Klewitz, Die Reform des Berliner Schulwesens in den Jahren 1945 bis 1951. Entstehung, Durchführung und Revision des Gesetzes über die Einheitsschule, Diss. phil. Berlin 1970, S. 233-296.