Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

25. November 1946 (Rhöndorf)

An Regional Commissioner William Asbury

, Düsseldorf

StBKAH 08.20, mit ms. Briefkopf: »Der Vorsitzende der CDU-Fraktion des Landtags von Nordrhein-Westfalen«


Sehr geehrter Herr Asbury!

Als Sie mich am 17. Oktober d. Js. zu einer Unterredung baten, fragten Sie mich, ob die CDU bereit sei, in die Regierung des Landes Nordrhein-Westfalen einzutreten. Ich habe diese Frage für meine Person bejaht und hinzugefügt, daß nach meiner Überzeugung auch die Fraktion der CDU auf diesem Standpunkt stehe. In der Zwischenzeit haben, wie Sie wissen werden, gelegentlich der Tagung des Landtags Besprechungen mit Herrn Ministerpräsident Amelunxen stattgefunden1. Die Fraktion der CDU war von dem Verlauf dieser Besprechungen nicht befriedigt. Sie war insbesondere erstaunt über die Weigerung des Herrn Amelunxen, für die Besetzung des Ministeriums des Innern mit einem Angehörigen der CDU als der stärksten Fraktion des Landtags einzutreten.

Ich habe am 23. November eine Sitzung des für die Regelung dieser Frage eingesetzten Ausschusses in Düsseldorf abgehalten. Ich erlaube mir, anliegend eine Abschrift des Schreibens zu überreichen, das ich Herrn Ministerpräsident Amelunxen nach der Besprechung übergeben habe. Ich bitte Sie, daraus zu ersehen, daß die CDU im Hinblick auf die außergewöhnliche Notlage der Bevölkerung bereit ist, ihren unbedingt berechtigten Anspruch auf die Besetzung des Ministeriums des Innern zurückzustellen.

Damit Sie einen vollen Einblick in die ganze Lage bekommen, darf ich nicht verschweigen, daß ich mit dem Verlauf der Unterredung mit Herrn Ministerpräsident Amelunxen wenig zufrieden gewesen bin. Diese meine Auffassung über die betont unfreundliche Haltung des Herrn Ministerpräsidenten Amelunxen gegenüber der CDU wurde von dem Ausschuß, dem ich nachher Bericht über meine Unterredung mit Herrn Amelunxen erstattet habe, geteilt. Aus der Unterredung mit Herrn Amelunxen möchte ich folgendes hervorheben:

1) Herr Amelunxen erklärte, daß die SPD unter keinen Umständen auf das Wirtschaftsministerium verzichten werde. Ich hielt ihm entgegen, daß er genau wieder hier [wie] bei dem Ministerium des Innern sich restlos hinter die Forderungen der SPD stelle. Ich erklärte ihm dann schließlich, daß meine Partei vielleicht bereit sein würde, auf das Wirtschaftsministerium zu verzichten, wenn sie das Arbeitsministerium erhalte. Als ich ihm erwiderte, daß ich versuchen würde, die Fraktion auf diesen Boden zu bringen, erfuhr ich zu meinem größten Erstaunen von Herrn Amelunxen, daß er allerdings aus dem Arbeitsministerium alles, was mit Kohle zusammenhänge, herausnehmen und Herrn Halbfell, der dann das Aufbauministerium bekommen solle, übertragen werde. Ich habe ihm sofort erklärt, daß für uns ein derartig ausgehöhltes Arbeitsministerium völlig ohne Interesse sei.

2) Es gingen Gerüchte, wonach Herr Amelunxen den Ministerialdirektor a. D. Spiecker, den Hauptvertreter der Zentrumspartei, mit einer besonderen Mission betraut habe2. Ich habe ihn danach gefragt und bekam zur Antwort, Herr Spiecker habe einen Sonderauftrag. Er solle die Koordinierung der britisch-amerikanischen Zone in politischer und wirtschaftlicher Richtung herstellen. Er habe die Genehmigung der englischen Militärregierung hierzu bekommen, und Herr Spiecker habe seine Tätigkeit schon angetreten. Durch Schaffung einer derartigen Stelle von einer solchen Bedeutung verschiebt sich das ganze Bild des Kabinetts. Ich habe Herrn Amelunxen auf das ernsteste erklärt, daß er durch dieses, hinter dem Rücken der CDU ­ trotz der schwebenden Verhandlungen – vorgenommene Handeln die Stellung der CDU zu ihm ganz außerordentlich weiter belastet habe. Ich könne ein derartiges Vorgehen nicht mehr als loyal erklären.

Die Unterhaltung endete damit, daß abgesprochen wurde, bei Gelegenheit der Tagung des Zonenbeirats in Hamburg das Gespräch in Gegenwart des Herrn Henßler von der SPD fortzusetzen3.

Bei dem großen Interesse, daß Sie, sehr geehrter Herr Asbury, für alle Angelegenheiten von Nordrhein-Westfalen haben, glaubte ich, Sie von diesem Gang der Verhandlungen in Kenntnis setzen zu sollen. Falls die weiteren Verhandlungen keinen für uns befriedigenden Verlauf nehmen werden, werde ich mir erlauben, Sie nach meiner Rückkehr vom Zonenbeirat um eine Unterredung zu bitten.

Ich bin in ausgezeichneter Hochachtung
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Zum nachfolgenden vgl. das Schreiben an Rudolf Amelunxen vom 23.11.1946 und das Schreiben an William Asbury vom 5.12.1946.

  2. ^

    Zur »Beauftragung des Herrn Ministerialdirektors Dr. Spiecker mit einem Referat für politische und wirtschaftliche Koordinierung« ein Schreiben Amelunxens an Adenauer vom 30.11.1946.

  3. ^

    Zum Inhalt der Verhandlungen mit Henßler am Rande der 9. Zonenbeiratssitzung (27-29.11.1946) vgl. das Schreiben an Bernhard Pfad vom 2.12.1946.