Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

27. April 1948 (Rhöndorf)

An Dr. Friedrich Holzapfel

, Herford

Original in BA NL Holzapfel Nr. 145, mit ms. Vermerk »Vertraulich!«, Durchschlag mit Begleitschreiben an Dr. Robert Pferdmenges, Köln-Marienburg


Lieber Herr Holzapfel!

1) Ich darf nochmals wiederholen, was ich Ihnen gestern in Frankfurt/M.1 mündlich sagte:

Herr Köhler erklärte mir, Sie hätten sich damit einverstanden erklärt, daß in Frankfurt das Sekretariat der Arbeitsgemeinschaft zu einem Generalsekretariat für ganz Deutschland ausgebaut und die Herren Vockel und Lenz hineingenommen würden. Herr Köhler sagte mir, die beiden Herren Vockel und Lenz seien zu dem Zweck auch in Frankfurt anwesend und man solle jetzt die Sache fertigmachen.

Ich habe dem widersprochen. Ich bitte Sie, auf das, was Herr Köhler tut oder sagt, sehr aufmerksam zu achten. Wir können uns für die britische Zone unter keinen Umständen damit einverstanden erklären. Wir würden damit die Gesamtpartei den bisherigen Berliner maßgebenden Leuten und den von ihnen vertretenen politischen und wirtschaftlichen Ansichten ausliefern. Das würde m. E. für die britische Zone eine Spaltung sein.

2) Herr Köhler sagte mir gestern abend, kurz ehe ich abfuhr, er sei von dem Berater des Generals Clay, Professor Friedrich, gefragt worden, ob er bereit sei, eine Regierung zu bilden. Er habe darüber mit Ihnen und Kaiser gesprochen. Er sei dazu bereit und beabsichtige, Herrn Kaiser in diese Regierung als Minister aufzunehmen mit dem Sitz in Berlin, um dort die Verbindung mit den alliierten Generalen aufrecht zu erhalten. Er spreche mit mir, um sich zu vergewissern, ob er, wenn er das tue, auch genügenden Rückhalt bei der Partei habe.

Ich habe eine sehr zurückhaltende Stellung eingenommen und ihn darauf aufmerksam gemacht, daß das Ganze zwar Angelegenheit der Partei sei und daß gegen die Einräumung eines solchen Postens an Kaiser doch erhebliche Bedenken bestünden. Herr Kaiser sei eine sehr eigene Natur und seit vielen Jahren an selbständiges Handeln gewöhnt. Man müsse evtl. befürchten, daß er in einer solchen Stellung Politik auf eigene Faust in Berlin mache. Dem müsse, wenn es zu einer solchen Lösung komme, unter allen Umständen vorgebeugt werden.

Ich konnte Ihnen leider gestern Abend nicht mehr von diesem Gespräch Mitteilung machen. Ich bitte Sie, aber auch über diese Angelegenheit mit Köhler, der ja behauptet, daß Sie damit einverstanden seien, zu sprechen. Ich habe die Auffassung, daß wir unter keinen Umständen als Personen solche schwerwiegenden Entschlüsse gutheißen können. Hier muß unbedingt die zuständige Parteiinstanz, das ist der Zonenausschuß oder dessen Vorstand, entscheiden. Ich bitte Sie daher auch, doch in Zukunft, wenigstens in der nächsten Zukunft, an den Sitzungen dieser beiden Gremien, die, wenn die politische Entwicklung so schnell fortschreitet, in der nächsten Zeit mehrfach stattfinden müssen, teilzunehmen.

Alles in allem genommen, bitte ich Sie, soweit das irgend möglich, sich selbst mehr in diese politischen Angelegenheiten einzuschalten. Herr Köhler ist gegenüber der Besatzung, wie Sie wissen, ja sehr weich. Selbstverständlich ist dieses Schreiben vertraulich.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
(Adenauer)

P.S.: Ich habe Herrn Dr. Pferdmenges einen Durchschlag dieses Briefes zur Kenntnis übersandt.


  1. ^

    Adenauer hatte am 26.4.1948 an einer Vorstandstagung der CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft teilgenommen; hierzu eine Meldung in ›Die Welt‹ vom 29.4.1948, S. 1. Zum nachfolgenden, unter Verwendung dieses Briefes, Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S.21; vgl. auch die Notiz über die Sitzung des Arbeitsausschusses der CDU aller Zonen in Königstein/Taunus am 5. und 6.2.1947 vom 8.2.1947.