Rhöndorfer Ausgabe Online
An Erzbischof Josef Kardinal Frings
, Köln-BayenthalStBKAH 07.14, mit ms. Briefkopf »Mitglied des Zonenbeirats. Vorsitzender der CDU-Fraktion des Landtags von Nordrhein-Westfalen«
Sehr verehrte Eminenz!
Das Heftchen von Nell-Breuning1 reiche ich in der Anlage mit bestem Dank zurück. Ich habe die Ausführungen durchgelesen und kann nur den Eindruck bestätigen, den ich schon aus Ihrer mündlichen Wiedergabe des Inhalts bekommen habe: es handelt sich um spekulative Theorien, die den heutigen Verhältnissen in keiner Weise gerecht werden, die aber geeignet sind, die in der CDU zusammengefaßten Bestrebungen zum Schutze des Christentums zu beeinträchtigen2.
Im Anschluß an unsere Unterredung darf ich noch folgendes sagen:
In der Zwischenzeit habe ich festgestellt, daß das Zentrum namentlich in Westfalen in einer geradezu schamlosen Weise gegen uns gehetzt hat. Ich habe ein Flugblatt der Zentrumspartei in Coesfeld i. Westf.3 gesehen mit einer Reihe von Unterschriften in Faksimile, darunter die Unterschrift von drei katholischen Geistlichen, in dem die Behauptung aufgestellt war, die CDU wolle eine neue christliche Kirche gründen! Nach den übereinstimmenden Mitteilungen durchaus zuverlässiger Mitglieder der CDU in Westfalen haben sich Angehörige des katholischen Klerus in Westfalen an der Agitation für das Zentrum und gegen die CDU in führender Weise beteiligt. Die gesamte politische Situation ist infolge des Ergebnisses der Wahl äußerst kritisch. Die »Rheinische Zeitung« erklärt ausdrücklich, daß die von den Sozialdemokraten verlangte Sozialisierung die Grundlage der Zusammenarbeit im Kabinett sein müsse. Wenn die Sozialdemokratie hieran festhält, wird es wohl der CDU nicht möglich sein, in irgendeinem Lande der britischen Zone in die zu bildende Regierung einzutreten. Das würde bedeuten, daß in Nordrhein-Westfalen die Regierung gebildet würde von SPD, KPD und Zentrum, in Niedersachsen von SPD und KPD, in Schleswig-Holstein von SPD4. Führend wird also dann in der ganzen Zone die SPD sein. Welche Gefahren diese Machtposition der Sozialdemokratie für die gesamten kirchlichen Belange darstellt, brauche ich nicht näher auszuführen. Ich glaube aber, im Hinblick auf die wahrscheinlich eintretende sehr folgenschwere Entwicklung folgendes feststellen zu müssen:
Die Sozialdemokratie und die KPD sind in ihre Machtpositionen gekommen durch das Zentrum. Das Zentrum verdankt seine Existenz und seinen Zuwachs bei dieser Wahl sehr wesentlich der Tätigkeit katholischer Geistlicher. Für die politische Tätigkeit der katholischen Geistlichen sind wohl die Bischöfe verantwortlich, wie die von ihnen getroffene Entscheidung, daß kein Kleriker zum Landtage kandidieren dürfe, zeigt5. Wenn es den Bischöfen nunmehr nicht gelingt, der drohenden Entwicklung, die durch ihre mehr oder weniger passive Haltung in Lauf gekommen ist, Einhalt zu tun, so werden die Bischöfe sich auch die Folgen in vollem Maße selbst zuschreiben müssen.
Ich schreibe diesen Brief an Sie, sehr verehrte Eminenz, nach reiflicher Überlegung. Ich halte ihn für notwendig, um auf den Ernst der Entwicklung nachdrücklichst aufmerksam zu machen und um gleichzeitig die Verantwortung dafür rechtzeitig festzustellen.
Ich bin, sehr verehrte Eminenz, mit ergebenen Grüßen
Ihr
(Adenauer)
Angaben zur Beteiligung Nell-Breunings an der grundsätzlichen Erörterung sozialreformerischer Fragen in der Nachkriegs-CDU bei Rudolf Uertz, Christentum, S. 92, 98f., 130, 144, 204 und Rolf Wenzel, Wirtschafts- und Sozialordnung, S. 322-325.
Da das Anschreiben des Kardinals und die Anlagen in StBKAH nicht erhalten sind, konnte nicht ermittelt werden, auf welche der in diesem Zeitraum erschienenen Veröffentlichungen von Nell-Breunings zum Themenkreis Sozialisierung/Christlicher Sozialismus sich Adenauer hier bezieht (vgl. Rudolf Uertz, Christentum, S. 221f.).
Wahlaufruf des Zentrumskandidaten im Kreis Coesfeld, Friedrich Krabbe (1915-1981, 1947-1958 MdL in Nordrhein-Westfalen) mit mehreren besonders heftigen Angriffen gegen die CDU (»… hat Freimaurer in der Führung! … verbündet sich mit Liberalismus! … will neue eigene Kirche! … verrät die Katholische Schule in Hessen! … gegen die Bauern!«).
Aus den ebenfalls am 20.4.1947 durchgeführten Landtagswahlen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein war die SPD als Sieger hervorgegangen. Das Ergebnis in Niedersachsen: SPD 43,4%, CDU 19,9 %, DP/ NLP 17,9 %, FDP 8,8 %, KPD 5,6 %, Zentrum 4,1%; in Schleswig-Holstein: SPD 43,8 %, CDU 34,0%, FDP 5,0 %, KPD 4,7 %, Zentrum 0,1 %. Zur Bewertung des Ergebnisses und zur anschließenden Regierungsbildung in beiden Ländern vgl. die Schreiben an Hubert Becher vom 28.4.1947, an William Asbury vom 2.5.1947 und an Carl Schröter vom 20.5.1947.