Rhöndorfer Ausgabe Online
An Ministerpräsident Rudolf Amelunxen
, DüsseldorfStBKAH 08.55/ mit ms Briefkopf »Mitglied des Zonenbeirats. Vorsitzender der CDU-Fraktion des Landtags von Nordrhein-Westfalen«
Ihren Brief vom 24. d. Mts. erhielt ich am 26. April, nachdem mir sein Inhalt am 25.4. durch Zeitungsredaktionen mitgeteilt worden war1. Auf Ihren Brief erlaube ich mir, folgendes zu erwidern:
Schon seit geraumer Zeit sind bei mir, wie ich Ihnen ja auch bereits schon mitgeteilt habe, lebhafteste Beschwerden eingegangen über die Schriften zur staatsbürgerlichen Erziehung2. Sie wissen, daß diese Beschwerden sich nicht nur auf die Verbreitung Ihrer Reden bezogen. Daß die Verbreitung Ihrer Reden auch eine persönliche Propaganda darstellte, bedarf wohl wirklich keiner weiteren Erhärtung. Das konnte allenfalls noch hingehen, solange Sie parteilos waren. In demselben Augenblick aber, in dem Sie offiziell dem Zentrum beitraten, gewann diese Propaganda einen ganz anderen Aspekt3. Ich bitte, bei dieser Gelegenheit Ihnen sagen zu dürfen, was ich in der Presse nicht gesagt habe: Sie sind zum Ministerpräsidenten ernannt worden, weil Sie erklärten, keiner Partei anzugehören. In dem Augenblick, in dem Sie sich einer Partei anschlossen, waren Sie nach meiner Meinung verpflichtet, Ihr Amt als Ministerpräsident niederzulegen, oder aber Sie hätten, wenn Sie das aus sachlichen Gründen für nicht tunlich erachteten, mit dem Anschluß an eine Partei bis nach der Wahl warten müssen. Die Grundlage Ihrer Ernennung zum Ministerpräsidenten wurde hinfällig in dem Augenblick, in dem Sie sich zu einer Partei bekannten. Dadurch, daß Sie unter Beibehaltung Ihres Amtes unmittelbar vor der Wahl in eine Partei übertraten und sich von dieser zum Spitzenkandidaten aufstellen ließen, haben Sie die besondere Neutralität gegenüber allen Parteien, die Sie kraft Ihrer Ernennung zu beachten verpflichtet waren, nach unserer Meinung durchaus verletzt. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß das Zentrum Sie nur deswegen zu seinem Spitzenkandidaten gemacht hat, weil Sie eben Ministerpräsident waren.
Aus einem Flugblatt der Zentrumspartei4 führe ich Ihnen u. a. folgendes an:
»1) Die CDU schützt das Kapital, das Deutschland in zwei Kriegen zugrunde gerichtet hat.
2) Sie verhindert die gerechte, aber strenge Sozialisierung. Die CDU fürchtete die soziale Stimme des Volkes und lehnte daher den Volksentscheid über die Sozialisierung im Landtag Nordrhein-Westfalen ab.
3) Sie verschleiert die Absicht, die Gemeinschaftsschule einzuführen. (Sie stimmte in Hessen für die Gemeinschaftsschule!)«
Es folgen dann noch andere ähnliche Behauptungen. Darunter steht gesperrt gedruckt folgendes:
»Dr. Amelunxen hatte als parteiloser Ministerpräsident unseres Landes den besten Einblick in das Tun und Treiben der verschiedenen Parteien und ihre wirklichen Gesichter. Aus dieser Erkenntnis heraus trat er der Zentrumspartei bei.«
Ich danke Ihnen, daß Sie selbst erklären, daß Sie nicht annehmen, daß ich Sie hätte beleidigen wollen. Das lag mir und liegt mir fern. Aber die Politik zwingt einen eben, Feststellungen zu treffen, die man aus persönlichen Gründen lieber nicht aussprechen möchte.
Mit freundlichem Gruß
Ihr ergebener
(Adenauer)
P.S.: Wenn Sie zu der Ansicht kommen, daß ich mit Ihrem Eintreten gegen Herrn Prof. Dr. Schreiber einverstanden sei, verstehe ich das nicht5.
D.U.
Als ›offener Brief‹ deklariert, war das Anschreiben Amelunxens unter anderem in ›Die Welt‹ vom 26.4.1947 ausführlich zitiert worden (S. 3: »Amelunxen kontra Adenauer«), nachdem Adenauer zuvor in einem am 22.4.1947 in der ›Kölner Rundschau‹ veröffentlichten Interview zum Wahlausgang und zur Amtsführung Amelunxens Stellung genommen hatte. Die Hauptpunkte der hierin geäußerten Kritik:
a) Propagandamissbrauch des regierungsamtlichen Apparats, b) unstatthafte Inanspruchnahme besonderer Redezeiten im NWDR zugunsten der Regierung und zugleich der Zentrumspartei.
Durch beide Vorwürfe, so die öffentlich gemachte Erwiderung, sah Amelunxen seine »Ehre in der Öffentlichkeit verletzt… Dieser Makel wird mir vermutlich für mein ganzes Lebens anhaften …«; vgl. ›Der Spiegel‹ Nr. 21 (1947), S. 1. Ein vervielfältigtes Exemplar des Anschreibens (mit Verteilerliste) ist in BT PA 1/84 erhalten.
Der zuvor parteilose Ministerpräsident Amelunxen war Anfang 1947 dem Zentrum beigetreten; hierzu eine Meldung in: ›Der Spiegel‹ Nr. 10 (1947), S. 4.
Zentrumsflugblatt ›Was will die CDU!‹ mit dem Schlussappell: »Mit Dr. Amelunxen für unser altes Zentrum!«
Amelunxen hatte zugestanden, »bei der Niederlage des CDU-Kandidaten Prälaten Schreiber mitgewirkt« zu haben (der am 20.4.1947 im Wahlkreis Münster-Land dem Zentrums-Kandidaten Johannes Brockmann unterlegen war; vgl. Rudolf Morsey, Georg Schreiber, in: Zeitgeschichte in Lebensbildern Bd. 2, S. 184).