Rhöndorfer Ausgabe Online
An Oberbürgermeister Dr. Hermann Pünder
, KölnOriginal in BA NL Pünder, auf Kopfbogen des CDU-Zonenausschusses, mit Vermerk »-persönlich-«
Lieber Herr Pünder!
Der Rheinischen Zeitung Nummer 96 vom 29. November 1947 entnehme ich, daß Sie den sogenannten Friedensburgaufruf1 unterzeichnet haben. Ich bin sehr bestürzt darüber, weil Sie sich damit in offenen Gegensatz zum Zonenausschuß der CDU für die britische Zone gestellt haben2. Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie ebenso entsetzt darüber sein werden wie ich, wenn ich gelegentlich Ihnen die Hintergründe dieser Friedensburgaktion einmal schildere. Brieflich kann ich nur andeuten, worum es sich handelt.
An demselben Tage, als die Friedensburgaktion durch den Rundfunk verkündet wurde, brachten die Abendmeldungen im Rundfunk den Bericht über die Einleitung der Londoner Konferenz. Aus dieser Nachricht war nicht mehr und nicht weniger zu entnehmen, als daß der sowjetrussische Außenminister3 gegen den Widerspruch seiner drei westlichen Kollegen wörtlich dieselben Forderungen erhoben hatte wie Dr. Friedensburg in seinem Aufruf. Ich nehme an, daß Sie auch über die Persönlichkeit von Dr. Friedensburg nicht so informiert sind wie wir. Es mag Ihnen aufgefallen sein, daß nicht etwa Herr Jakob Kaiser, sondern Herr Friedensburg die Aktion gestartet hat. Vielleicht ist es Ihnen auch nicht entgangen, daß Herr Arnold und Herr Albers, die an demselben Tage in Berlin weilten, wo das Friedensburgkomitee zusammentrat, sich nicht an der Aktion beteiligt haben.
Nach dem Bericht der Volksstimme vom 2.12.1947 haben Sie zu dem sogenannten Volkskongreß in Berlin erklärt: »Ich begrüße alle Regungen - unabhängig von ihrer parteipolitischen Gebundenheit -, die eine gesamtdeutsche Vertretung ermöglichen.« Hieraus könnte man immerhin eine freundliche Stellungnahme zur Frage des Volkskongresses4 entnehmen. Inzwischen aber ist, wie vor einigen Tagen aus den Zeitungsberichten hervorging, von Herrn Jakob Kaiser die Teilnahme an dem Volkskongreß abgelehnt worden5. Ich kann Ihnen weiter mitteilen, daß Herr Kaiser in Übereinstimmung mit Dr. Josef Müller und mir gehandelt hat und daß seine Haltung inzwischen vom Landesvorstand Berlin gebilligt worden ist.
Es handelt sich sowohl bei der Friedensburgaffaire wie auch bei der Veranstaltung eines Volkskongresses um sehr diffizile politische Hintergründe, die natürlich in der Presse nicht immer scharf umrissen zum Ausdruck kommen können. Ich stehe Ihnen bei ähnlichen Angelegenheiten in Zukunft jederzeit zu einer Auskunftserteilung, die ja auch telefonisch erfolgen kann, zur Verfügung. Falls ich nicht erreichbar bin, ist Herr Dr. Löns immer über derartige Angelegenheiten unterrichtet. Ich glaube, es würde uns Verwirrung erspart bleiben, wenn Sie von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden, da es immerhin nicht gleichgültig ist, was eine so exponierte Persönlichkeit der CDU wie Sie in der Öffentlichkeit zu derartigen Fragen publiziert.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
(Adenauer)
Vgl. Anm. 1 im Schreiben an Hans Schlange-Schöningen vom 1.12.1947. – Zur Unterstützung des Aufrufs durch den Adressaten Hermann Pünder vgl. die bei Ferdinand Friedensburg, Es ging um Deutschlands Einheit, S. 191f. auszugsweise wiedergegebene Unterzeichnetenliste.
Hiermit wahrscheinlich angesprochen: ein am 25./26.10.1947 in Lünen gefaßter Beschluss des CDU-Zonenausschusses, demzufolge es »dringend geboten« sei, »daß alle von der CDU benannten Vertreter in den Länderregierungen und bizonalen Verwaltungsämtern in ständig enger Fühlungnahme mit der Parteiorganisation und den zuständigen Fraktionen der CDU bleiben und in den entscheidenden politischen Fragen nur im Einvernehmen mit der Partei ihre Stellung festlegen«; Druck: Helmuth Pütz (Bearb.), Konrad Adenauer, S. 460.
Ausführliche Angaben zu der in diesem Zeitraum entwickelten deutschlandpolitischen Position und den an die Londoner Konferenz gerichteten grundsätzlichen Forderungen der CDU der britischen Zone und der CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft bei Konrad Adenauer, Erinnerungen 1945-1953, S. 125 f. Vgl. Anm. 2 im Schreiben an Hermann Kaiser vom 22.11.1947.
Zu der von Molotow bei Beginn der Londonder Konferenz vertretenen sowjetischen Position vgk. EA Jg. 3 (1948), S. 1078f.
›Deutscher Volkskongreß für Einheit und gerechten Frieden‹ am 6./7.12. 1947 in Berlin, von der SED organisiertes Massentreffen zur Durchsetzung ihres Verständnisses nationaler Einheit und Interessenvertretung bei der Londoner Konferenz; vgl. EA Jg. 3 (1948), S. 1148 und Werner Conze, Jakob Kaiser, S.185- 201. Druck des vorausgegangenen Aufrufs des SED-Parteivorstands vom 26.11.1947: Hermann Weber (Hg.), Parteiensystem, S. 94.
Vgl. das Schreiben von Konrad Adenauer und Josef Müller an Jakob Kaiser vom 15.12.1947.