Rhöndorfer Ausgabe Online
An Rechtsanwalt Alfred Jankuhn
, Berlin-WilmersdorfStBKAH 07.15
Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt1!
Ich schicke voraus, daß das Interview, das ich mit einem Mitarbeiter der »Welt« hatte, erheblich länger war, als das, was in der Zeitung gestanden hat. Der Mitarbeiter der »Welt« hat aus diesem Gespräch einige Punkte herausgegriffen, die offenbar ihm besonders interessant erschienen. Darunter fällt auch die Frage der Behandlung der früheren aktiven Offiziere und Unteroffiziere. Ich würde deren Behandlung selbstverständlich niemals als wesentlichsten Gesichtspunkt, um das Gefühl der Hoffnungslosigkeit im deutschen Volke zu beheben, besonders angeführt haben. Meine sich mit ihnen beschäftigende Darlegung wurde gemacht gelegentlich meiner Ausführungen über die Amnestie der Mitläufer.
Im übrigen bin ich nicht Ihrer Ansicht, daß die aktiven Offiziere und Unteroffiziere, die sich nichts haben zu schulden kommen lassen, eine besondere Schuld trifft. Die Behandlung, die ihnen wiederfährt, treibt diese Leute geradezu einem verstiegenen Nationalismus in die Arme. Ihre Annahme, daß für mich die Entnazisierung mit der Verfolgung der Hauptschuldigen abgeschlossen habe, ist irrig. Die Befreiung des deutschen Geistes von den Grundanschauungen, aus denen auch der Nationalsozialismus erwachsen ist, scheint mir als die Hauptsache. Wenn Sie aber meinen, daß diese geistige Entnazifizierung zentral geleitet werden müsse, so verfallen Sie m. E. in denselben Fehler, den die Nationalsozialisten begangen haben, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(Adenauer)
Der Berliner Rechtsanwalt, Notar und Steuerberater Alfred Jankuhn hatte an Adenauers ›Welt‹-Interview vom 30.11.1946 Anstoß genommen.
Das am 29.11.1946 geführte Interview wurde in ›Die Welt‹ vom 30.11.1946, S. 1 und 3 veröffentlicht (›Drei Forderungen an die britische Militärregierung‹: »[e]inen Nahrungsmittelkredit aus Amerika, die Einstellung der Demontage und eine Amnestie für Mitläufer«.