Rhöndorfer Ausgabe Online
An Studienrat Carl Schröter
, KielStBKAH 08.57
Lieber Herr Schröter!
Vielen Dank für Ihren Brief vom 31.12.46, der überraschend schnell hier eingetroffen ist1. Wie ich höre, hat die sozialdemokratische Partei bei Ihnen alle diejenigen Argumente gegen das Verhältniswahlsystem sich zu eigen gemacht, die wir hier auch bei den Verhandlungen nutzlos gegenüber der Mehrheit, die sich aus 4 Parteien zusammensetzt, angeführt haben. Wie ich zuverlässig gehört habe, ist der sozialdemokratischen Partei von Nordrhein-Westfalen von ihrer Zentrale gestattet worden, von der allgemeinen sozialdemokratischen Auffassung betreffend Verhältniswahlsystem abzugehen, um auf alle Fälle die Bildung einer CDU-Mehrheit in Nordrhein-Westfalen zu verhindern2. Ob es dem sozialdemokratischen Einfluß gelingt, die Militärregierung von dem bisher von ihr eingenommenen Standpunkt abzubringen, läßt sich noch nicht überschauen.
Ich hoffe auch bestimmt darauf, daß wir uns am 15. Januar3 in Hamburg treffen, da es sehr Vieles und Wichtiges im Hinblick auf die kommenden Wahlen zu besprechen gibt.
Mit vielen Grüßen, auch an Ihre Frau und Tochter, mit den besten Wünschen für das neue Jahr,
Ihr
(Adenauer)
Schröter hatte über schleswig-holsteinische Ausschussberatungen über das dortige Landtagswahlrecht am 28.12.1946 berichtet. Die wesentlichen Bestimmungen (70 Abgeordnete bei 42 Wahlkreisen und 28 Listenkandidaten) seien einvernehmlich mit der SPD beschlossen worden.
Vgl. das Schreiben an Carl Schröter und Bernhard Pfad vom 28.12.1946.
Die für diesen Tag vorgesehene 10. Sitzung des Zonenbeirats fand tatsächlich erst am 29./30.1.1947 statt; Druck des Protokolls: Akten zur Vorgeschichte Bd. 2, S. 150-177.