Rhöndorfer Ausgabe Online
An Kultusminister Christine Teusch
, Köln-EhrenfeldStBKAH 08.63
Liebes Fräulein Teusch!
Die Entwicklung der Krankheit meiner Frau hat es mir leider unmöglich gemacht, meine Absicht, Ihnen zu Beginn der gestrigen Fraktionssitzung die Glückwünsche der Fraktion und meine Wünsche auszusprechen, auszuführen1. Ich muß es daher zunächst auf schriftlichem Wege nachholen. Ich hoffe, doch bald die Gelegenheit zu haben, auch mündlich das Ihnen gegenüber ausdrücken zu können, was mich bewegt.
Sie wissen, daß ich mich nicht dazu entschließen konnte, für Ihre Ernennung zum Kultusminister zu sein2. Ich hatte zwei Gründe für diese meine Stellungnahme: einmal die ernstliche Besorgnis um Ihren Gesundheitszustand, ferner war ich der Ansicht, daß bei der gegenwärtigen Lage der Dinge sowohl im Kultusministerium Nordrhein-Westfalen wie in den beiden Zonen es nicht wünschenswert sei, daß eine Frau das Kultusministerium Nordrhein-Westfalen führe. Die Fraktion hat in ihrer Mehrheit anders entschieden. Ich erkenne diese Entscheidung der Fraktion selbstverständlich auch innerlich an und versichere Ihnen, daß ich nach besten Kräften bemüht sein werde, Ihnen die schwere Bürde Ihres Amtes nach Möglichkeit zu erleichtern. Erlauben Sie mir, zwei Bitten hinzuzufügen:
Die eine ist, daß Sie in der gleichen Weise wie bisher mit mir voll Vertrauen zusammenarbeiten; die zweite ist, daß Sie doch nach Möglichkeit auf Ihren Gesundheitszustand Rücksicht nehmen. Ich bitte Sie, namentlich nach dieser Hinsicht peinlichst auf sich achten zu wollen.
Ich habe dann noch im Anschluß an das, was Sie mir über Ihre Stellung zu Herrn Schnippenkötter am Montag sagten, einen weiteren Wunsch. Ich bitte Sie, Herrn Schnippenkötter in viel größerem Umfange heranzuziehen zur Mitarbeit und ihn positiv zu unterstützen, als das Herr Konen leider getan hat. Es ist Herrn Schnippenkötter seinerzeit die Zusicherung gegeben worden, soviel ich weiß, daß er zu allen Sitzungen des Ministeriums zugezogen würde. Ich halte diese Zuziehung, und zwar nicht nur zu Fragen des höheren Schulwesens, sondern zu den Fragen der Schule und Erziehung im ‹weitesten›3 Sinne des Wortes, für absolut notwendig. Ich bitte Sie sehr, sich durch die leidigen persönlichen Differenzen Bardenhewer ./. Schnippenkötter nicht hiervon abhalten zu lassen4. Wenn es Ihnen gelingen würde, diese Differenzen aus der Welt zu schaffen, so würde ich das außerordentlich begrüßen. Ich will Ihnen ganz kurz sagen, was mich zu meiner Bitte, Herrn Schnippenkötter zu all diesen Fragen hinzuzuziehen, veranlaßt:
Herr Schnippenkötter hat sich dadurch, daß er unmittelbar nach dem Zusammenbruch das Ideal der christlichen Erziehung zusammen mit Herrn Platz entwarf, daß er das völlig in Trümmern darniederliegende Schulwesen wieder aufgebaut hat, ganz außerordentliche Verdienste erworben; aber davon abgesehen ist sein Name auch so eng mit der christlichen Erziehung verbunden und wirkt so stark gegenüber dem laisierten Erziehungsideal der Sozialisten, daß ich Sie aus diesen Gründen bitte, ihn heranzuziehen und nach Kräften zu unterstützen.
Ich darf diese Gelegenheit benutzen, um Ihnen zu sagen, daß ich auf die Angelegenheit von Frau Dr. Schlüter-Hermkes noch zurückkommen möchte. Ich finde es in höchstem Maße bedauerlich, daß Herr Konen sich hat dazu verleiten lassen, die ausgezeichneten Auslandsverbindungen von Frau Schlüter-Hermkes nicht nutzbar zu machen5.
Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute und bin, wie immer,
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Hierzu ist Korrespondenz Adenauers mit dem Kölner Dezernenten der Gesundheitsverwaltung, Franz Vonessen, aus dem November 1947 erhalten, die der Vergewisserung über die Belastbarkeit von Christine Teusch diente.
Zur zunächst zögernden, dann zustimmenden (von Detlev Hüwel [Karl Arnold, S.124] als »Drängen« gedeuteten) Haltung Adenauers gegenüber bzw. zugunsten der neuen Kultusministerin ist ein Schreiben an Karl Arnold vom 12.12.1947 erhalten; hierin weist Adenauer KPD-Angriffe gegen Christine Teusch wie auch die Forderung der SPD nach Auswechslung des Ministerialdirektors im Kultusministerium zurück. Vgl. das Schreiben an Eduard Christ vom 3.1.1948.
‹ › hs. Von Adenauer korrigiert aus »positivem«.
Die geplante Besetzung einer Dienststelle zur ›Herstellung der geistigen Verbindung mit dem Auslande‹ mit Maria Schlüter-Hermkes war im Sommer/Herbst 1947 unter anderem an sozialdemokratischen Angriffen gescheitert; hierzu sind zwei Adenauer-Schreiben an Heinrich Konen vom 28.9.1947 erhalten.