Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

23. April 1948 (Rhöndorf)

An Diözesanpräses Dr. Caspar Schulte

, Paderborn

StBKAH 07.24, mit ms. Vermerk »Persönlich! Vertraulich!«


Sehr geehrter Herr Diözesanpräses!

Ich bitte, die folgenden Zeilen zunächst als streng persönlich und vertraulich zu behandeln.

Ich weiß, wie sehr auch Sie durch die Spaltung oder ‹richtiger›1 durch die Trennung CDU-Zentrum bedrückt sind2. Ich habe mich mit der Angelegenheit, wie Sie sich denken können, seit langem sehr intensiv befaßt und mir die größte Mühe gegeben, durch Entgegenkommen das Zentrum zur Zusammenarbeit mit uns zu veranlassen. Ich fürchte, daß meine Bemühungen völlig ergebnislos geblieben sind. Ich glaube, daß diese, für den christlichen Gedanken im politischen Leben so außerordentlich schädliche Trennung nur dadurch beseitigt werden kann, daß zunächst in Westfalen und dann anderswo dem Zentrum die Hilfe der katholischen Geistlichkeit entzogen wird. Die Frage ist, wie das geschehen kann. Ich habe darüber auch mit Herrn Kardinal Frings gesprochen. Da ich die Mentalität der katholischen Geistlichkeit ziemlich genau kenne ؘ– mein verstorbener Bruder war zuletzt Domkapitular in Köln –, so weiß ich, daß eine Einflußnahme einer vorgesetzten Stelle vielfach bei den Herren gerade den entgegengesetzten Erfolg hat. Andererseits ist mir aber auch bekannt, daß vielfach die Geistlichen aufgeschlossen sind für Vorträge von Konfratres und Aussprache in ihren Dekanats-Konferenzen. Ich bitte Sie daher, zu überlegen, ob es nicht möglich ist, vielleicht einen kleinen Ausschuß, 3 oder 4 Herren von Geistlichen der Diözesen Münster und Paderborn, zusammenzustellen, der sich der Aufgabe unterzieht, in der oben von mir skizzierten oder in einer ähnlichen Weise in den Dekanats-Konferenzen die nötige Aufklärung zu geben über das Zentrum und über den Schaden, der durch die mit dem Auftreten des Zentrums verbundene Schwächung des christlichen Gedankens insgesamt verursacht wird. Wenn dem Zentrum in Westfalen die Stütze, die es in der katholischen Geistlichkeit hat, entzogen wird, so ist es in Westfalen und damit auch im Rheinland und in Hessen erledigt.

Ich bitte Sie sehr, sich diese Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen, evtl. auch mit einigen vertrauenswürdigen Konfratres zu sprechen3.

Mit hochachtungsvollen Grüßen
Ihr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    ‹ › hs. Von Adenauer eingefügt.

  2. ^

    Zur früheren Erörterung dieses Themas zwischen Schulte und Adenauer vgl. die Schreiben an Caspar Schulte vom 13.10.1946, vom 26.10.1946 und vom 3.12.1946. Zum Verhältnis CDU-Zentrum in diesem Zeitraum vgl. Detlev Hüwel, Karl Arnold, S. 152-155.

  3. ^

    Die Antwort Schultes – nach Rückkehr von einer Reise in die SBZ erst am 31.5.1948 verfasst – enthält eine skeptische Beurteilung der Kooperationsbereitschaft des Zentrums (das für sich das Recht beanspruche, »die Angehörigen der CDU in zwei Gruppen aufzuteilen, in die Reaktionäre und die sozial Eingestellten«. Ein »Sichkennenlernen« – über Vertreter beider Parteien, »die der Arbeiterschaft entstammen« – halte er jedoch nach wie vor für geboten.).