Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

25. Januar 1947 (Rhöndorf)

An den 1. Bürgermeister von Karlsruhe, Staatsrat a.D. Fridolin Heurich

StBKAH 08.52


Sehr geehrter Herr Heurich!

Auf Ihr Telegramm vom 21. d.Mts.1, , das jetzt hier eintraf, teile ich Ihnen folgendes mit:

Zu 1): Verstaatlichung der Industrie.

Wir haben im Landtag Nordrhein-Westfalen am 22.d. Mts. eine Erklärung abgegeben des Inhalts, daß wir gegen Verstaatlichung des Bergbaues und der Schlüsselindustrien, wohl aber für Einführung der Gemeinwirtschaft in diesen Industriezweigen seien2. Am 24.1. hat sich der Wirtschafts- und Sozialausschuß der CDU der britischen Zone sehr eingehend mit dem gesamten Fragenkomplex befaßt. Er ist zu einer einstimmigen Stellungnahme gekommen3. Diese wird z. Zt. redigiert und dann dem Zonenausschuß der britischen Zone, der am 1. und 2.2. in Ahlen/Westf. zusammentritt, zur Beschlußfassung vorgelegt werden4. Die Beschlußfassung wird auf derselben Linie liegen wie unsere Erklärung im Landtag.

Zu 2): Wir sind gegen eine wirtschaftliche Abtrennung und selbstverständlich auch politische Abtrennung von Rhein, Ruhr und Saar. Wir haben diese unsere Stellungnahme wiederholt öffentlich zum Ausdruck gebracht5.

Zu 3): Wir werden in allen Landtagen der Länder der britischen Zone Einspruch gegen das eigenmächtige Vorgehen der Wirtschaftsminister einlegen, da sie, die als Beauftragte ihrer Kabinette in dem Ausschuß waren, ohne ihr Kabinett zu befragen, auf Anweisung von Dr. Schumacher gehandelt haben6. Wir werden diese Angelegenheit unter keinen Umständen zur Ruhe kommen lassen7.

Mit vielen Grüßen
Ihr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Fridolin Heurich hatte um »umgehende Stellungnahme« zu den Themen Industrieverstaatlichung, »Rhein, Ruhr und Saargebiet« und zu den »Absichten in Minden« gebeten.

  2. ^

    Vgl. die Ausführungen Adenauers vor dem nordrhein-westfälischen Landtag am 23.(!)1.1947 (Stenographischer Bericht über die 4. Vollsitzung, S. 10-12) und die auf dieser Grundlage und in Ausführung des Ahlener Programms dem Landtag vorgelegten wirtschaftspolitischen CDU-Anträge; Druck: Antonius John, Ahlen, 5.127-136. Hierzu ausführlich: Rudolf Uertz, Christentum, S. 107f. Vgl. auch das Schreiben an die Lizenzträger der „Kölnischen Rundschau“ vom 7.3.1947.

  3. ^

    Vgl. das Schreiben an Günther Henle vom 25.1.1947.

  4. ^

    Vgl. Anm. 2 des Schreibens an Josef Kardinal Frings vom 9.2.1947.

  5. ^

    Vgl. die Anlage zum Schreiben an Heinrich Weitz vom 31.10.1945 sowie, speziell zur Saarfrage, Konrad Adenauer, Erinnerungen 1953-1955, S. 365-369.

  6. ^

    Am 16.1.1947 war – auf sozialdemokratischen Druck– Rudolf Müller als Vorsitzender des Verwaltungsrats für Wirtschaft in Minden durch Viktor Agartz abgelöst worden; vgl. Walter Vogel, Westdeutschland T. II, S. 401f. und Tilman Pünder, Das bizonale Interregnum, S. 70f.

  7. ^

    Hierzu gleichlautende Telegramme Adenauers vom 19.1.1947 an Bernhard Pfad, Carl Schröter und Theodor Steltzer: »Die sozialdemokratischen Wirtschaftsminister haben Mißtrauensvotum gegen Dr. Müller im bizonalen Wirtschaftsausschuß ausgesprochen und Agartz als Nachfolger vorgeschlagen, ohne vorher einen Kabinettsbeschluß herbeizuführen. Die Minister sind in diesem Ausschuß nicht als Einzelperson sondern als Kabinettsvertreter. Bitte, sofort energischste Schritte zu unternehmen.« (StBKAH 08.57).