Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

25. Oktober 1946 (Rhöndorf)

An den Vorstand der CDU-Fraktion der Kölner-Stadtverordnetenversammlung

StBKAH 08.54, ohne Anrede, auf Kopfbogen des CDU-Zonenausschusses mit ms. Zusatz »Mitglied des Zonenbeirats«, Verteiler: »Herrn Peter Schaeven, Köln-Marienburg; Herrn Johannes Albers, Köln; Herrn Oberbürgermeister Dr. Pünder, Köln; Herrn Rechtsanwalt Dr. Fritz Fuchs, Köln-Riehl; Herrn Dr.  Ernst Schwering, Köln; Fräulein Christine Teusch, Köln-Ehrenfeld«


Unter Bezugnahme auf unsere Besprechung am 24. Oktober1 in der Herwarthstraße betreffend die Verhandlungen der CDU-Fraktion mit der SPD erlaube ich mir, folgendes mitzuteilen:

Nach der Besprechung habe ich an den Zentralvorstand der SPD depeschiert und um baldige Beantwortung meines Schreibens vom 15.10.46 gebeten2 Eine Antwort ist bis jetzt nicht eingetroffen. Ich höre aber heute telefonisch aus Hamburg, daß Herr Dr. Schumacher Bedenken habe.

Herr Albers hat in der Besprechung am 24. Oktober erklärt, daß Verhandlungen mit der SPD über die Besetzung der Beigeordnetenstellen noch nicht stattgefunden hätten. Ich habe dann im Laufe des Tages folgendes darüber gehört:

Herr Oberbürgermeister Dr. Pünder hat Herrn Oberstadtdirektor Suth mitgeteilt, daß eine Besprechung der maßgebenden Herren der Fraktion mit Herrn Görlinger stattgefunden habe und daß man dabei dahin übereingekommen sei, die SPD-Beigeordneten sowie den stellvertretenden Stadtdirektor und den kommunistischen Beigeordneten wiederzuwählen. Ich habe im Laufe des Tages weiter mit Herrn Leo Sinn3, Weiden, gesprochen, der mir erzählte, daß Herr Schaeven ihm die gleiche Mitteilung gemacht habe.

Da bei der Besprechung am 24. Oktober Herr Albers mir die bestimmte entgegengesetzte Mitteilung gemacht hat, bitte ich um gefl. Aufklärung. Wenn innerhalb unserer Partei z. Zt. die oberen Parteiinstanzen auch noch kein formelles Recht haben, Angelegenheiten nachgeordneter Parteistellen maßgeblich zu beeinflussen, so ist es doch wohl für jeden politisch Denkenden klar, daß innerhalb der Partei von allen Stellen in der gleichen Richtung gearbeitet werden muß. Ich bitte daher dringend, die weiteren Verhandlungen mit der SPD zu stoppen, bis eine Antwort des Zentralvorstandes der SPD eingetroffen ist, sowie ferner Herrn Görlinger keinen Zweifel darüber zu lassen, daß verbindliche Abmachungen noch nicht getroffen worden sind.

Ich bitte weiter, mir zu gestatten, darauf aufmerksam zu machen, daß den Interessen sowohl der Landespartei Nordrhein wie der gesamten Zonenpartei durchaus widersprochen würde, wenn ausgerechnet in Köln Kulturdezernent ein Sozialdemokrat sein würde. Gerade in Köln, das doch auf dem Gebiete der christlichen Kultur führend und maßgebend für den ganzen deutschen Westen sein soll, ist das völlig unmöglich. Zur Erhärtung dessen führe ich folgendes an:

Das Programm der Veranstaltung »Rhein und Europa«4 hat in maßgebenden Kreisen scharfe Kritik gefunden, und zwar mit Recht. Rheinische Tradition, rheinische, christliche Kultur, spielen in diesem Programm eine äußerst geringe Rolle. Daß man zu der Eröffnungsrede Herrn Professor Nicolai Hartmann kommen läßt, ist unverständlich. Noch unverständlicher ist, daß man Herrn Kultusminister Grimme mit einer Rede über die deutsche Jugend betraut. Das Letztere ist für einen in etwa politisch denkenden Menschen geradezu unfaßbar. Derartige Dinge schaden unserer Arbeit außerordentlich. Ich führe diese sehr großen Mißgriffe bei der Aufstellung des Programms wohl mit Recht auf den Einfluß des der Sozialdemokratischen Partei angehörigen Beigeordneten Steinforth zurück. Wie es aber trotz eines sozialdemokratischen Kulturdezernenten in Köln überhaupt möglich ist, daß derartige Mißgriffe bei der Programmaufstellung vorkommen, ist sehr ernst zu nehmenden Persönlichkeiten des öffentlichen und kirchlichen Lebens und mir unverständlich.

Auf Köln blicken noch immer weite Kreise als den Vorort rheinischer und christlicher Kultur. Durch derartige Vorfälle wird dieser Ruf Köln's stark beeinträchtigt. Ich bitte den Vorstand der Fraktion, doch dessen eingedenk zu sein.

Mit ergebenen Grüßen
(Adenauer)


  1. ^

    Am 24.10.1946 hatte zugleich die erste Sitzung der am 13.10.1946 gewählten Kölner Stadtverordnetenversammlung stattgefunden; deren Zusammensetzung bei insgesamt 51 Sitzen: CDU 41 (= 53,4 %), SPD 8 (= 34,6 %), KPD 2 (= 9,3 %). Zum Wahlergebnis und zu den kommunalpolitischen Folgen vgl. Hermann Pünder, Von Preußen, S. 245-248.

  2. ^

    Vgl. das Schreiben an den Zentralvorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vom 15.10.1946.

  3. ^

    Zur Unterstützung Adenauers für Sinn in der Nachkriegszeit vgl. das Schreiben an den Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen vom 27.10.1946; noch 1955 verwies Adenauer in einem Grußwort für die Chronik der Gemeinde Lövenich auf die besonders engen persönlichen Beziehungen zu den Gebrüdern Sinn; Faksimile der Erklärung in: Kölnischer Kunstverein (Hg.), Le musée sentimental de Cologne, S. 29f.

  4. ^

    Kölner Kulturtage ›Der Rhein und Europa‹ vom 18.-27.10.1946; vgl. Peter Joseph Hasenberg (Bearb.), Quellen, S. 19f. und Hermann Pünder, Von Preußen., S. 446-448. Zum Verlauf der Veranstaltungen und den von Adenauer im nachfolgenden monierten Programmpunkten ausführliche Angaben im Antwortschreiben Hermann Pünders vom 31.10.1946; vgl. das Schreiben an Hermann Pünder vom 5.11.1946.