Rhöndorfer Ausgabe Online
An Pater Hubert Becher
, Bad GodesbergStBKAH 07.01
Sehr geehrter Herr Pater Becher1
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Ich erlaube mir, Ihnen nachfolgend eine kurze Schilderung zu geben, wie die politische Situation sich voraussichtlich gestalten wird:
Das Zentrum hat durch seine geradezu schamlose Agitation einen relativen Erfolg errungen. Wie schamlos diese Agitation gegen die CDU war, dafür liegt urkundliches Material vor. SPD, KPD und Zentrum haben sich geflissentlich im Wahlkampf geschont. Der Erfolg des Zentrums, namentlich in Westfalen, ist zurückzuführen auf die tätige Mithilfe von katholischen Geistlichen. In Nordrhein-Westfalen sind die Mandatsziffern folgende:
CDU 92
SPD 64
KPD 28
Zentrum 20
FDP 12.
Die »Rheinische Zeitung« in Köln hat wiederholt erklärt, daß die Grundlage der Arbeit des Kabinetts die Sozialisierung im sozialdemokratischen Sinne sein müsse. Wenn die Sozialdemokratie bei diesem Standpunkt bleibt, wird die CDU nicht in ein Kabinett eintreten. In Nordrh. Westfalen wird dann die Regierung gebildet werden von Sozialdemokratie, KPD und Zentrum, in Niedersachsen von SPD und KPD und evtl. Zentrum, in Schleswig-Holstein von SPD. Das Zentrum wird in diesen Regierungen infolge seiner geringen Abgeordnetenzahl der einflußloseste Faktor sein. Welche Folgen diese Machtposition der Sozialdemokratie in der ganzen Zone für die gesamten kulturellen und kirchlichen Belange haben wird, brauche ich Ihnen nicht auseinanderzusetzen. Auch die christlichen Arbeiter werden derartig unter Druck gesetzt werden, daß sie zur Sozialdemokratie zum größten Teil übergehen werden. Der Druck des Marxismus gerade in den Fabriken ist schon jetzt außerordentlich stark.
Ich weiß nicht, ob Sie irgendwelchen Einfluß gegen eine solche Entwicklung ausüben können. Ich glaube, wenn Sie das tun können, so würden Sie sich einen Verdienst gerade auch um die kirchliche Frage erwerben. Wenn ein Teil des Zentrums die von den Sozialdemokraten betriebene Verstaatlichung der Bergwerke und Schlüsselbetrieben nicht mitmachen würde und das rechtzeitig, d. h. vor der Kabinettsbildung, erklären würde, würde m. E. eine Kabinettsbildung auf breiter Basis unter Einschluß des Zentrums und der Sozialdemokratie möglich sein. Übrigens hat Herr Amelunxen bei der Abstimmung über unsere Anträge über den wirtschaftlichen Neuaufbau Deutschlands nicht mit der SPD und dem Zentrum, sondern mit der CDU gestimmt.
Ihr
(Adenauer)