Rhöndorfer Ausgabe Online
An Rechtsanwalt Dr. Joseph Bollig
, OpladenStBKAH 07.13
Ihren Brief vom 23. d. Mts. habe ich erhalten. Die Bestellung des Herrn Wiedemann2 zum Ministerialdirigenten ist ganz offenbar in höchstem Maße bedauerlich. Immerhin gilt auch für Herrn Sträter hier, daß sich jemand einmal vertun kann. Wir müssen einen evangelischen Minister haben. Unter den 5 Ministern ist allein Herr Heinemann evangelisch. Herr Heinemann will aber unter keinen Umständen die Stelle eines Justizministers weiter bekleiden3. Ich habe auch den Eindruck, als wenn Herr Sträter doch ein durchaus geeignetes Kabinettsmitglied sei. Ich bitte Sie, nicht zu übersehen, daß wir in der Auswahl der Herren für Ministerposten durch das Verlangen der Engländer, daß die Minister Landtagsabgeordnete sein müssen, außerordentlich eingeschränkt sind.
Ich bedauere sehr, daß es Ihnen gesundheitlich nicht gut geht. Ich hoffe, daß Sie sich recht bald wieder kräftigen.
Mit freundlichen Grüßen
(Adenauer)
Zur parteipolitischen Orientierung nach dem Kriege (1945 zeitweise an der Deutschen Demokratischen Bewegung) vgl. Friedrich Henning, 25 Jahre FDP, S. 114.
Zu Heinrich Wiedemann vgl. Peter Hüttenberger, Nordrhein-Westfalen, S. 234, 480. Wiedemanns Berufung ins Justizministerium durch den ehemaligen Minister Artur Sträter war von Bollig als »Danaergeschenk« für die CDU bezeichnet worden. In einem – im Durchschlag beigefügten – Schreiben an den derzeitigen Justizminister Gustav Heinemann hatte er dies mit personalpolitischen Fehlentwicklungen begründet (»auffallend freundliche Beziehungen« zum sozialdemokratischen Ministerialdirigenten des Innenministeriums; »absolut willfährige Diener um sich herum ... , das weibliche Hilfspersonal auffallend jung… «), darüber hinaus aber auch schon auf die Verwicklung Wiedemanns in den ›Korruptionsskandal Watz‹ verwiesen (vgl. die Schreiben an Karl Arnold vom 7.10.1947, vom 11.10.1947, vom 9.11.1947, an den Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen vom 9.8.1948 und an die Mitglieder des Unterausschusses des Verfahrens gegen Dr. Watz vom 16.11.1948.
Zusätzliche Hinweise auf parteiinternen Widerstand gegen Heinemann enthält ein – Adenauer in Durchschlag übermitteltes – Schreiben von Hans Erich Stier an Johannes Gronowski vom 26.8.1947 (StBKAH 08.63).