Rhöndorfer Ausgabe Online
An den Vorsitzenden der Zentrumsfraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen, Johannes Brockmann
, DüsseldorfStBKAH 08.53, mit ms. Vermerk »Persönlich! Eilt sehr!«, mit hs. von Adenauer korrigiertem Entwurf vom 2.6.1947
Da die Bemühungen, eine Regierung aller Parteien zustande zu bringen, auf nicht unerhebliche Schwierigkeiten stoßen, richte ich an Sie, sehr geehrter Herr Brockmann, in dem Geiste der Besprechungen, die vor einigen Monaten zwischen Ihnen, Herrn Stricker und mir in Münster stattgefunden haben2, die Anfrage, ob die Zentrumsfraktion für den Fall des Scheiterns der Bemühungen, ein Kabinett aller Parteien zustande zu bringen, bereit ist, zusammen mit der CDU eine Regierung zu bilden.
Wir stehen auf dem Standpunkte, daß unter allen Umständen beim Nichtzustandekommen eine Koalition auf breitester Basis versucht werden muß, [um] im Hinblick auf die in der Verfassung zu lösenden entscheidenden Fragen eine christliche Mehrheit im Landtag und in der Regierung zu sichern. Ziel einer von unseren beiden Fraktionen gebildeten Regierung sollte sein, in der Frage der Verfassung und in allen kulturpolitischen Fragen die Wahrung der christlichen Belange zu sichern. In den wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen würden wir eine fortschrittliche Politik im Sinne der christlichen Sozialauffassung verfolgen.
Ich bin überzeugt, daß die Bildung einer solchen Regierung dem Willen der überwiegenden Mehrheit der Wählerschaft entspricht, der ja die Wahrung insbesondere der christlichen Interessen in der Verfassung vor allem am Herzen liegt. Die Wahrung dieser Interessen, die an sich die vordringlichste Aufgabe sein dürfte, tritt an Bedeutung wohl noch mehr vor alle anderen Fragen, nachdem durch die Schaffung des bizonalen Wirtschaftsrates die wirtschaftlichen Fragen in starker Weise dem Einfluß der Länder entzogen sind.
Wir sind der Auffassung, daß weder programmatische noch personelle Hindernisse für eine solche Zusammenarbeit unserer Fraktionen in Regierung und Landtag bestehen dürfen.
Ich wäre Ihnen für baldgefl. Antwort dankbar und bin
In ausgezeichneter Hochachtung
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Zu diesem Schreiben an Brockmann wie auch zu dessen Antwort vom 6.6.1947 (»… [Ihrer] Anregung möchte ich im Augenblick nicht nähertreten …«) ausführliche Angaben bei Walter Först, Geschichte, S. 268; Peter Hüttenberger, Nordrhein-Westfalen. S. 243 und Detlev Hüwel, Karl Arnold, S. 116.
Vgl. die Schreiben an Wilhelm Böhler vom 7.3.1947 und an Franz Graf von Galen vom 21.3.1947.