Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

5. Dezember 1946 (Rhöndorf)

An Regional Commissioner William Asbury

, Düsseldorf

StBKAH 08.20, mit ms. Briefkopf »Mitglied des Zonenbeirats. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion für den Landtag von Nordrhein-Westfalen«, Durchschlag an Dr. Rudolf Amelunxen, Düsseldorf


Sehr geehrter Herr Asbury!

Wie Ihnen in der Zwischenzeit Herr Ministerpräsident Amelunxen mitgeteilt haben wird, haben die Verhandlungen der Parteien über die Umbildung des Kabinetts Nordrhein-Westfalen zu einem Ergebnis geführt1. Namens meiner Fraktion möchte ich hervorheben, daß wir uns zu diesem Eintritt ins Kabinett nur unter Zurückstellung sehr schwerer Bedenken entschlossen haben. Es wird in weiten Kreisen unserer Partei nicht verstanden werden, daß wir nicht auf der Forderung, den Innenminister zu stellen, bestanden haben. Ebenso wird man nicht verstehen, daß wir darin eingewilligt haben, daß die sozialdemokratische Partei die beiden Ministerien, die auf dem Gebiete der Wirtschaft maßgebend sind – das Wirtschaftsministerium und das Arbeitsministerium –, bekleidet. Wir werden gerade wegen der Tolerierung dieser Besetzung umso stärkere Angriffe in unserer Partei zu gegenwärtigen haben, als in der ganzen britischen Zone kein einziger Wirtschaftsminister der CDU angehört. Wenn wir uns trotzdem entschlossen haben, in das Kabinett einzutreten, so ist das geschehen im Hinblick auf die ernste Lage des Landes.

Wir haben als Kultusminister den Rektor der Bonner Universität, Professor Konen, benannt2. Herr Konen ist auch bereit, dies Amt zu übernehmen. Herr Konen wird aber nicht bereit sein, dieses Amt lange Zeit zu führen. Wir haben den sehr lebhaften Wunsch, daß Sie demnächst auf diese Stelle berufen den früheren Staatssekretär Dr. Lammers3. Es ist mir bekannt, daß gegen Herrn Lammers Einwendungen erhoben worden sind von britischen Stellen, weil er unter von Papen noch 3 Monate lang Staatssekretär im Preußischen Kultusministerium gewesen ist. Ich glaube, wenn man die gesamte damalige Lage berücksichtigt, so wird man Herrn Lammers, der niemals auch nur im entferntesten nationalsozialistischer Gesinnung verdächtig gewesen ist, hieraus keinen Vorwurf machen können. Das gilt ebenso von den Verfügungen, die er damals als preußischer Staatssekretär unterzeichnet hat und in denen den nationalsozialistischen Jugendverbänden die Berechtigung eingeräumt wurde, die Turnhallen zu benutzen gleich den anderen Verbänden mit Ausnahme der kommunistischen. Die Situation war damals folgende: Es wurde von seiten der nichtnationalsozialistischen Parteien versucht, die nationalsozialistische Partei in eine Regierungskoalition hereinzubringen und sie so unschädlich zu machen. Die nationalsozialistische Partei hat vor Eintritt in diese Verhandlungen den Antrag gestellt, sie in der Verweigerung der Turnhallen nicht der kommunistischen Partei mehr gleichzustellen. Um diese Verhandlungen überhaupt in Gang zu bringen, hat man dem Verlangen der Nationalsozialisten stattgegeben. Herr Lammers ist dabei nur der Ausführende für eine Entschließung gewesen, die er gar nicht gefaßt hat.

Ich bitte, bei Beurteilung der ganzen Sachlage zu berücksichtigen, daß der Versuch, auf diese Weise die nationalsozialistische Partei unschädlich zumachen, unbedingt gemacht werden mußte. Ich darf darauf hinweisen, daß ja auch die britische Regierung in den Jahren 1934 und folgende wiederholt versucht hat, auf gütlichem Wege eine Beseitigung der nationalsozialistischen Gefahr herbeizuführen.

Ich bitte Sie sehr, sehr geehrter Herr Asbury, diesen Erwägungen Rechnung zu tragen und eine nochmalige Prüfung der Angelegenheit des Herrn Lammers zu veranlassen. Sie würden uns dadurch zu lebhaftestem Dank verpflichten4

Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Dem am 5.12.1946 vorgestellten zweiten Kabinett Amelunxen gehörten für die CDU an: Karl Arnold (stellvertretender Ministerpräsident), Fritz Beckmann (Landwirtschaft), Josef Gockeln (Soziales), Heinrich Konen (Kultur) und Artur Sträter (Justiz). – Beckmann schied bereits kurze Zeit später wieder aus und wurde durch Heinrich Lübke ersetzt; zu diesem Vorgang vgl. Peter Hüttenberger, Nordrhein-Westfalen, S. 240. Hüttenberger verweist in diesem Zusammenhang ausführlich auf das hier abgedruckte Schreiben, nennt jedoch Lammers als Adressaten.

  2. ^

    Konen teilte am 6.12.1946 Amelunxen mit, »daß ich aus sachlichen wie persönlichen Gründen nur kurzfristig und subsidiär in Frage kommen könne«; Abschrift dieses Schreibens ist einer ebenfalls am 6.12.1946 an Adenauer gerichteten ausführlichen Begründung seiner bedingten Zusage beigefügt.

  3. ^

    Zum nachfolgenden vgl. die Aktennotiz über Gespräche zur Regierungsbildung durch Rudolf Amelunxen vom 19.8.1946, die Schreiben an Aloys Lammers vom 21.10.1946 und vom 7.12.1946 sowie die Ausführungen Adenauers vor dem CDU-Zonenausschuss am 17./18.12.1946; Druck: Helmuth Pütz (Bearb.), Konrad Adenauer, S. 228f.

  4. ^

    In seiner Antwort vom 20.12.1946 nannte Asbury als ausschlaggebende Gründe gegen eine Kandidatur Lammers': »… too old and not sufficiently adaptable …, … dictatorial tendencies in handling his staff … , … distrusted by the SPD … , … might destroy the harmony between the parties …«; vgl. das Schreiben an Wilhelm Böhler vom 19.1.1947.