Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

1. September 1947 (Rhöndorf)

An Jakob Kaiser

, Berlin

StBKAH 08.56


Sehr geehrter Herr Kaiser!

Wie ich Ihnen gleichzeitig schreibe, kann ich zu meinem großen Bedauern nicht an Ihrem Parteitag teilnehmen. Mein Arzt verbietet mir wegen einer Magen- und Darmerkrankung die Reise nach Berlin. Ich werde Herrn Dr. Holzapfel bitten, mich zu vertreten. Falls er durch die Verhandlungen des Wirtschaftsrates in Frankfurt (Main) festgehalten sein sollte, werde ich ein Mitglied unseres Zonenausschusses um die Vertretung der Christlich-Demokratischen Union der britischen Zone ersuchen. Ich bin leider gezwungen, auf folgendes hinzuweisen:

Die Einladungskarten zu Ihrem Parteitag rufen den Anschein hervor, als ob es sich dabei um einen Reichsparteitag handele. Es heißt darin: »Die Christlich-Demokratische Union Deutschlands gibt sich [die] Ehre, zur 2. Jahrestagung der Union, 6. bis 8. September 1947, in Berlin einzuladen«1. Der darunter gedruckte Stempel ist in gleicher Weise irreführend. Gegen diese Fassung muß ich namens der CDU der britischen Zone entschieden Verwahrung einlegen.

Ich darf darauf hinweisen, daß ich schon im Frühjahr 1946 dagegen in einer mündlichen Verhandlung mit Ihnen Einspruch eingelegt habe, daß die Union Berlin's und der Ostzone sich Christlich-Demokratische Union Deutschlands nenne2. Sie haben damals erwidert, daß nicht Sie, sondern Ihr Vorgänger im Vorsitz, Herr Hermes, diese Bezeichnung gewählt hätte und daß jetzt die alten Briefbogen aufgebraucht würden. Diese Erklärung paßt ja nun in keiner Weise auf die jetzige Einladung zum Ihrem 2. Parteitag. Ich bin um so mehr gezwungen, gegen diese völlig irreführende Form der Einladung Einspruch zu erheben, als gleichzeitig von dort aus Broschüren verschickt werden, auch in die britische Zone, die sich als von der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands herrührend bezeichnen und mit deren Inhalt wir uns unter keinen Umständen einverstanden erklären können. Das gilt insbesondere von der Broschüre »Unser Sozialismus«3. Diese Broschüre geht über das Programm der sozialdemokratischen Partei erheblich hinaus. Sie widerspricht unserem Ahlener Programm durchaus. Sie hat in der Christlich-Demokratischen Union der britischen Zone sofort entschiedenen Widerspruch hervorgerufen. Da sie die Aufschrift: Christlich-Demokratische Union Deutschlands trägt, werde ich mich zu meinem Bedauern genötigt sehen, öffentlich klarzustellen, daß die Christlich-Demokratische Union der britischen Zone in keiner Weise mit diesen Ausführungen einverstanden ist.

Ich bedauere sehr, verehrter Herr Kaiser, daß trotz aller Ihrer mündlichen Erklärungen über Ihren dringenden Wunsch, mit uns in bestem Einvernehmen zu stehen, immer wieder durch das Verhalten maßgebender Stellen und Personen der Christlich-Demokratischen Union Berlin Spannungen hervorgerufen werden. Ich hätte es besonders gewünscht, daß in einem Zeitpunkt, in dem es sich doch wirklich um die Einheit und Geschlossenheit Deutschlands handelt, von dort aus alles unterlassen worden wäre, was geeignet ist, neue Spannungen hervorzurufen. Die Einladung hätte mit Leichtigkeit so gefaßt werden können, daß der Eindruck eines Reichsparteitages nicht hervorgerufen worden wäre. Für die Versendung einer Broschüre wie die »Unser Sozialismus«, die in scharfem Widerspruch zum Ahlener Programm steht – übrigens zeugt diese Broschüre von einer geradezu staunenswerten Weltfremdheit –, bestand doch in diesem Augenblick wahrhaftig keine Veranlassung.

Ich zweifle nicht, daß es Ihnen ernst ist mit Ihrer Erklärung, daß Sie den größten Wert auf ein freundschaftliches Zusammengehen mit der Christlich-Demokratischen Union der britischen Zone legen, ich bitte Sie aber, doch dann auch dafür Sorge zu tragen, daß die maßgebenden Stellen der CDU Berlin's und der Ostzone nicht so handeln, daß Ihre Erklärungen dadurch illusorisch werden.

Ich wünsche Ihnen nochmals einen guten Verlauf Ihres Parteitages und bin mit freundschaftlichen Grüßen
Ihr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Das Original der für Adenauer ausgestellten, am 27.8.1947 übermittelten Einladungskarte ist in StBKAH erhalten.

  2. ^

    Vgl. die Aktennotiz über ein bizonales CDU/CSU-Treffen in Stuttgart sowie die Schreiben an Jakob Kaiser vom 24.5.1946 und an Hermann Katzenberger vom 6.12.1946.

  3. ^

    Eine von drei – vor dem Parteitag erschienenen – »Flugschriften« der CDUD: ›Unsere Demokratie. Die Politik der Zeit‹, ›Unser Sozialismus. Die Frage der Zeit‹, ›Unsere christliche Politik. Die Forderung der Zeit‹. Die von Adenauer inkriminierte Schrift enthält unter anderem die Forderung nach »gemeinwirtschaftlich gebundenen Unternehmungen« (»in denen der Staat im Aufsichtsrat entscheidend vertreten ist und die Betriebsleitung ernennt oder bestätigt«); vgl. das Schreiben an Johannes Albers vom 2.11.1947.