Rhöndorfer Ausgabe Online
An Geheimrat Dr. Hermann Katzenberger
, BerlinStBKAH 08.56
Sehr geehrter Herr Geheimrat!
Leider finde ich jetzt erst die Zeit, auf Ihren Brief vom 15.11. d. Js. ausführlich zu antworten1.
Ich bin nicht Ihrer Ansicht, daß für die Formulierung »Reichsparteivorstand der Christlich-Demokratischen Union« die »Neue Zeit« die volle Verantwortung zu übernehmen hat. Zunächst stelle ich fest, daß die »Neue Zeit« ständig Formulierungen gebraucht, die die Union Berlin und deren Einrichtungen als die maßgebende Reichsstelle der Union erscheinen lassen. Ich kann nicht annehmen, daß dies Ihrer und der anderen dortigen Herren Aufmerksamkeit entgangen sein sollte. Für Abhilfe ist aber nicht gesorgt worden.
Ich darf weiter darauf hinweisen, daß die Christlich-Demokratische Union Berlin schon seit geraumer Zeit Briefbogen mit der Aufschrift »Christlich-Demokratische Union Deutschlands« verwendet. Ich habe seinerzeit Herrn Kaiser bei einem Besuch hier in Rhöndorf darauf aufmerksam gemacht2. Er hat mir erwidert, er halte diese Briefbogen ebenfalls für nicht am Platze. Sie seien von Herrn Dr. Hermes, als dieser noch Parteivorsitzender dort gewesen sei, bestellt worden. Sie würden jetzt nur aufgebraucht. Demgegenüber darf ich folgendes feststellen:
1) Herr Dr. Hermes, dem ich von dieser Erklärung des Herrn Kaiser Mitteilung gab, bestritt nachdrücklichst deren Richtigkeit.
2) Briefe mit solchen Aufschriften sind nicht nur fortgesetzt weitergebraucht, es werden jetzt neuerdings auch Briefbogen mit Aufschriften verwendet, die noch stärker als vorher den Eindruck erwecken, als ob die CDU Berlin die leitende Reichsstelle der Christlich-Demokratischen Union in Deutschland sei. Mir liegt vor ein Briefbogen mit einem Schreiben des Sekretariats des Herrn Kaiser, datiert vom 4.10.19463. Dieser Briefbogen hat folgenden Aufdruck: »Christlich-Demokratische Union Deutschlands-Reichsverband-« Er ist unterstempelt mit »Reichsgeschäftsstelle«, dann kommt der Name und darunter »Sekretariat«. Als Telegrammadresse gibt er an: »Reichsunion, Berlin«.
Ich finde Ihre Formulierung, daß der betreffende Redakteur nicht die Gefühle dieses oder jenes »Zonenvorstandes« habe verletzen wollen, nicht sehr glücklich gewählt. Sie dürfen versichert sein, daß, was meine Person angeht, das Gefühl persönlicher Verletztheit oder dergleichen überhaupt gar nicht in Frage kommt. Aber ich darf Ihnen sagen, daß diese von dort immer und immer wieder betonten Ansprüche und auch gewisse Formulierungen des Herrn Kaiser in seinen Reden bei dem größten Teil der Union der britischen Zone auf erregten Widerspruch stoßen. Wenn Sie anregen, doch in Zukunft einen Fehler, der einmal begangen werde, in Form eines Briefwechsels oder telefonischen Anrufs aus der Welt zu räumen, so haben Sie mit einer solchen Anregung durchaus recht, wenn es sich um eine gelegentliche Entgleisung handeln würde. Es liegt aber völlig klar zu Tage, daß ganz planmäßig von dort aus das Ziel verfolgt wird, innerhalb der Christlich-Demokratischen Union der britischen und der anderen Zonen und überhaupt in der Öffentlichkeit die Meinung zu erwecken, daß die Reichsparteileitung in Berlin sei.
Ich bitte weiter, offen sagen zu dürfen, daß mündliche Zusicherungen von dort nach den Erfahrungen, die ich mit der Erklärung der Verwendung dieser Briefbogen gemacht habe, und weiteren Erfahrungen, auf die ich gerne mündlich zurückkommen werde, mir nicht geeignet erscheinen, diese Dinge zu ‹bereinigen›4.
Was nun die Rede des Herrn Kaiser über die von den Engländern geplante Verstaatlichung der Ruhrindustrie angeht5, darf ich zunächst feststellen, daß die DPD-Meldung, die ich erst vor wenigen Tagen selbst gelesen habe, durch Zusätze und Änderungen gegenüber der Mitteilung, die ich dem Vertreter des DPD gegeben habe, entstellt und verändert ist. Es ist ganz selbstverständlich, daß die Frage der Ruhrindustrie eine Frage ist, die jeden Deutschen angeht. Aber ebenso selbstverständlich scheint es mir auch zu sein, bei einer so wichtigen Frage doch denjenigen Partei-Instanzen, die den Dingen am nächsten stehen, die die am unmittelbarsten Betroffenen sind, die auch am ersten beurteilen können, welche wirklichen Absichten den Tendenzen der Engländer zugrunde liegen, den Vortritt in der öffentlichen Stellungnahme zu lassen. Herr Kaiser, Berlin, ist doch nicht »Irgendeiner«, und wenn er zu einer solchen hochwichtigen Frage Stellung nimmt, so wirkt sich das auch in unserer Zone außerordentlich aus. Ich kann Ihnen nur sagen, daß die Ausführungen des Herrn Kaiser sogar weit über das hinausgehen, was bei uns die Sozialdemokratie will. Sie ist in weiten Kreisen der CDU der britischen Zone auf stärksten Widerstand gestoßen. Die CDU der britischen Zone war bisher in allen solchen Fragen einer Meinung. Ich kann als derzeitiger Vorsitzender nicht zulassen, daß durch eine solche Einwirkung von außen diese Einigkeit in Frage gestellt wird. Die Folgen davon würden gar nicht auszudenken sein. Ich mußte dem durch eine öffentliche Stellungnahme entgegentreten. Ich denke, daß Sie demnächst in Wiesbaden6 anwesend sein werden und daß wir uns dann über diese Fragen ausführlicher unterhalten können, als das schriftlich möglich ist.
Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Katzenberger hatte eine am 14.11.1946 veröffentlichte Erklärung des CDU-Vorstands der britischen Zone aufgegriffen, derzufolge »[i]n Deutschland … kein Reichsvorstand der CDU [besteht] ; die CDU steht in den einzelnen Zonen organisch unabhängig nebeneinander« (vgl. ›Die Welt‹ vom 14.11.1946, S. 3).
Zum Anschreiben Katzenbergers wie auch zur Antwort Adenauers Angaben bei Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 118. (Das von Conze angegebene Absendedatum – 14.11.1946 – bezieht sich auf das erste von zwei gleichlautenden Schreiben, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen abgeschickt wurden; hierzu das P. S. des hier erwähnten Anschreibens vom 15.11.1946).
Vgl. das Schreiben an die Teilnehmer eines bizonalen CDU/CSU-Treffens in Stuttgart vom 8.4.1946.
Hierbei handelt es sich um ein im Original an Adenauer weitergeleitetes Schreiben an Peter Lütsches (Ankündigung einer Kaiser-Reise nach Süd- und Westdeutschland).
‹ › vom Bearb. korrigiert aus »vereinigen«.
Bereits in der in Anm. 2 erwähnten Vorstandserklärung hatte die CDU der britischen Zone Kaisers Äußerungen zu den britischen Verstaatlichungsplänen kritisiert; vgl. Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 113, 119f, sowie die am 26.11.1946 veröffentlichte Reaktion Kaisers (›Die Welt‹ vom 26.11.1946, S. 2); vgl. die Schreiben an Maria Sevenich vom 6.12.1946 und an Heinrich Vockel vom 6.12.1946.
Für den 12./13.12.1946 war eine Tagung der CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft in Königstein/Taunus bei Wiesbaden vorgesehen, die jedoch verschoben wurde; vgl. das Schreiben an Bruno Dörpinghaus vom 21.12.1946.