Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

10. Februar 1948 (Rhöndorf)

An Studienrat Franz Schulte

, Minden

StBKAH 07.24, ohne Anrede und Schlussformel


Ihren Brief vom 29.1.48 verstehe ich nicht1. Ich habe erklärt, daß ich nicht in der Lage wäre, zu den Behauptungen Herrn Semlers im einzelnen Stellung zu nehmen, ohne die nötigen Unterlagen zu haben, ferner, daß ich seine Ausdrücke bedauere. Ich habe mich dagegen gewandt, daß man ihn abgesetzt hat, ohne dem Wirtschaftrat vorher Gelegenheit zur Äußerung zu geben, weil ich das mit der Übertragung von eigener Verantwortung auf deutsche Stellen für nicht vereinbar hielt. Es wird Sie in diesem Zusammenhang interessieren, daß nach dem Statut über die Änderung des Wirtschaftsrats die Militärregierung nicht mehr das Recht hat, ohne weiteres einen Direktor abzusetzen.

Allgemein darf ich Ihnen sagen, daß ich es für unbegründet halte, wenn ein Mitglied einer Partei, der man sich aus innerer Überzeugung angeschlossen hat, seinen Austritt erklärt, wenn der Vorsitzende der Partei in einem Einzelfall etwas sagt, was er nicht für richtig hält. Ich hoffe, daß Sie Ihren Entschluß noch einmal überprüfen.

(Adenauer)


  1. ^

    Schulte (Mitbegründer der CDU im Kreis Minden) hatte nach Adenauers Erklärung zur Entlassung Johannes Semlers (vgl. die Schreiben an L.H. Long vom 17.1.1948, an Otto Boelitz vom 28.1.1948 und an Albert C. Schweizer vom 16.2.1948) seinen Parteiaustritt erklärt (»…geschichtliche Unwahrheit, das deutsche Volk steuere ›mit dem Willen der Militärregierung‹ in das Hungerelend hinein.«)