Rhöndorfer Ausgabe Online
An Captain Albert C. Schweizer
, MünchenStBKAH 07.06
Lieber Herr Schweizer!
Ihren Brief vom 7. d. Mts.1 habe ich erhalten und danke ich Ihnen herzlich dafür. Verschiedenes, was Sie darin über die Angelegenheit Semler gesagt haben, war mir neu. Ich darf Ihnen in Folgendem sagen, was ich von der Sache weiß und wie ich sie beurteile:
Die Rede Semler's habe ich nicht vorher gekannt. Ich wußte nicht einmal, daß er in Erlangen reden sollte. Ich hörte zuerst von ihr durch kurze Zeitungsnachrichten, in denen eine Reihe von Bemerkungen Semler's wiedergegeben waren, die mich geradezu erschreckt haben. Ich habe mich daraufhin sofort an ihn und an Dr. Müller, München, gewandt und um Aufklärung gebeten. Es ist ja natürlich auch für unsere Zone von großer Bedeutung, was in Frankfurt (Main) geschieht. Herr Semler hat mir daraufhin seine Rede geschickt. Ich finde, daß er diese Rede nicht hätte halten dürfen. Ich finde auch, daß die Art seiner Entschuldigung zumindest sehr ungeschickt war.
Dr. Semler ist vor Weihnachten einen Nachmittag bei mir gewesen und hat mir einen ausführlichen Bericht gegeben über seine Tätigkeit und seine Ziele. Bei dieser Unterredung hatte ich in keiner Weise den Eindruck, daß Herr Semler der Meinung war, daß man nicht mit amerikanischen oder britischen Stellen zusammenarbeiten könne. Er sprach sich mir gegenüber freimütig über manche Vorgänge und Schwierigkeiten mit den Besatzungsbehörden aus, aber mein Gesamteindruck war der, daß er an ein erfolgreiches Zusammenarbeiten mit den Besatzungsbehörden glaubte. Der Grundton seiner ganzen Ausführungen war durchaus optimistisch. Von der Überzeugung ausgehend, daß jeder Wechsel in der Leitung eine längere Verzögerung der Arbeit mit sich bringe und daß Semler trotz seiner Rede in Erlangen durchaus positiv zur Zusammenarbeit mit den Besatzungsbehörden stand, habe ich deshalb General Robertson gebeten, doch dafür einzutreten, daß man Semler in seinem Amte belasse. Sympathien für Semler waren bei mir in keiner Weise der Beweggrund. Ich stehe Semler menschlich fern. Aber sachliche Gründe bewogen mich zu dieser meiner Bitte.
Neu ist mir die Mitteilung in Ihrem Briefe, daß General Clay2 den deutschen Autoritäten weitgehend die Möglichkeit gegeben habe, etwas zu unternehmen. Mir war von Semler und dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Wirtschaftsrat, Dr. Holzapfel, oder von Dr. Müller, München, – ich weiß nicht mehr genau, welcher von Beiden es war –, gesagt worden, daß die beiden Generale Clay und Robertson mit ihrer Entscheidung abwarten wollten, nachdem Semler sich wegen der durchaus zu mißbilligenden Form entschuldigt hatte, was Semler an tatsächlichem Material für seine Behauptungen beibringen werde. Umso überraschter war ich, als plötzlich die Amtsenthebung Semler's bekannt wurde.
Wie mir General Robertson gesagt hat3, waren für diese Entscheidung maßgebend nicht die beleidigende Form der Kritik Semler's, sondern die Überzeugung, die man nach seiner Rede habe gewinnen müssen, daß er zur Zusammenarbeit mit den Besatzungsbehörden nicht gewillt sei. Den Eindruck hatte ich aus der privaten Unterhaltung, die ich mit Semler in der Weihnachtszeit gehabt habe, und ebenso aus den Äußerungen, die er nach der Rede in meiner Gegenwart über diese gemacht hat, nicht.
Ich meine auch noch jetzt, man hätte dem Wirtschaftsrat offiziell Gelegenheit zur Stellungnahme geben müssen, ehe man sich dazu entschloß, den von ihm gewählten Direktor abzusetzen. Alles in allem genommen habe ich den Eindruck, daß unbeschadet der Autorität der Besatzungsbehörden, die selbstverständlich gewahrt bleiben muß, die ganze Angelegenheit in einer anderen Art hätte erledigt werden sollen.
Ich betone aber nochmals, daß ich die Rede Semler's in keiner Weise billige – ich habe ihm das auch erklärt – und daß es mir unverständlich ist, wie er überhaupt zu einer solchen Rede gekommen ist.
Dr. Semler bereitet nun eine Rechtfertigungsschrift vor, in der er die tatsächlichen Behauptungen seiner Erlanger Rede beweisen will. Diese Denkschrift will er, ehe er sie der Öffentlichkeit übergibt, Dr. Müller, München, und mir zur Kenntnisnahme übersenden. Er behauptete mir gegenüber, daß er in der Lage sei, den Wahrheitsbeweis zu erbringen. Was soll nun hieraus werden? Man kann ja einerseits Semler nicht hindern, den Versuch zu machen, in angemessener Form seine Behauptungen zu beweisen. Auf der anderen Seite befürchte ich unter Umständen eine weitere, das Vertrauen zu den Besatzungsbehörden untergrabende Diskussion, die sehr unerwünscht ist, namentlich in der gegenwärtigen kritischen außenpolitischen Lage.
Restlos teile ich Ihre Meinung, daß vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Besatzungsmächten und den deutschen Stellen absolut notwendig ist.
Es ist sehr schade, daß München so weit vom Rheine liegt und daß ich infolgedessen mich niemals mit Ihnen aussprechen kann. Sie werden doch sicher öfters nach Frankfurt (Main) müssen. Auch ich muß gelegentlich dorthin. Könnten wir nicht unsere Reisen dann und wann so einrichten, daß wir Gelegenheit hätten, uns in Frankfurt /M. auszusprechen? Ich bin davon überzeugt, daß allein die Vereinigten Staaten Europa wieder aufrichten können und daß die Folgen eines dauernden Niedergangs oder Zusammenbruchs Europa's für die ganze Welt schrecklich sein würden; aber die Denkungsart der Völker ist so verschieden, daß allzu leicht Mißverständnisse das Vertrauen und die Zusammenarbeit trüben können. Darum würde ich so großen Wert darauf legen, wenn wir uns gelegentlich einmal sprechen könnten, um auf diese Weise dazu beizutragen, daß wirklich vertrauensvoll miteinander gearbeitet wird.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
A
Hierin: Darlegungen zum ›Fall Semler‹ (vgl. die Schreiben an L.H. Long vom 17.1.1948, an Otto Boelitz vom 28.1.1948 und an Franz Schulte vom 10.2.1948) aus Sicht der amerikanischen Militärregierung, gestützt auf Ohrenzeugenberichte und »stenographic notes of the address…Some of it consisted of emotional utterances which Semler certainly was in a position to know to be untrue and misleading. Part was obviously insulting and apparently a cheap bid for an ovation from nationalistic rather than patriotic circles«; Details der Darstellung Schweizers gehen aus der Adenauer-Replik hervor (auf diese verweist Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 114).
Vgl. Clays eigene Darstellung der deutschen Nachkriegsentwicklung (Entscheidung in Deutschland, Frankfurt/Main 1950) sowie seinen Beitrag ›Adenauers Verhältnis zu den Amerikanern und die deutsch-amerikanischen Beziehungen nach 1945‹ zu: Konrad Adenauer und seine Zeit Bd. 1, S. 466-476. Vgl. auch Jean Edward Smith (Hg.), The Papers of General Lucius D. Clay. Germany 1945-1949, Bloomington 1974 sowie John H. Backer, Die deutschen Jahre des Generals Clay. Der Weg zur Bundesrepublik 1945-1949, München 1983.
Gelegenheit zu diesem Gespräch hatte am 28.1.1948 in Düsseldorf bestanden; hierzu und zum Gesprächsgegenstand (Umbildung des Frankfurter Wirtschaftsrats) eine Meldung in der ›Kölnischen Rundschau‹ vom 29.1.1948, S. 1. Der Klärung des Konflikts diente weiter eine Unterredung mit Lord Pakenham am 12.2.1948 (Voraus-Meldung in ›Die Welt‹ vom 10.2.1948, S.1; Tischkalender Eintragung Hohmann – »20.15 Lord Pakenham, Schloß Röttgen« –; briefliche Bestätigung in einem Schreiben an August Lindlau vom 20.2.1948; StBKAH 07.22).